Bernau (BAR)


Bernau, Lkr. BAR, Grundstück während der Ausgrabungen





2 Allgemeines

Die Stadt Bernau befindet ca. 10 km nordöstlich von Berlin am Rande des Niederen Barnim.
Die Grundstücke, nahe der Kirche in der Kirchgasse bis und einschließlich der Ecke Hohe Steinstraße gelegen, gehören zum angenommenen ältesten Siedlungskern Bernaus. Seit dem Abriss der Altbebauung in den 80-er Jahren wurde das Areal als Parkplatz genutzt.
Die geplante Neubebauung des Bereichs mit einem Wohnhaus mit acht Wohneinheiten machte tiefer greifende Eingriffe in den Untergrund nötig.
In der Zeit vom 22.06.2009 bis 28.09.2009 fanden die durch die Bodeneingriffe erforderlichen archäologischen Untersuchungen statt. Dabei wurde zuerst eine Voruntersuchung durchgeführt, auf deren Grundlage das Befundaufkommen abgeschätzt werden sollte. Die Hauptuntersuchung umfasste die komplette Dokumentation des Planums mit freigelegten Baustrukturen sowie die Erfassung sämtlicher Bodeneingriffe zur Einbringung von Punktfundamenten, die die Bodenplatte tragen sollten.
Im Rahmen der Dokumentation wurden 149 technische und archäologische Stellen vergeben. Dabei handelte es sich um 36 Profile mit einer Gesamtlänge von 115 m und 18 Teilflächen in Gesamtfläche 1 auf 350 m² (vollständig zeichnerisch erfasst). Insgesamt wurden darin 33 Eingrabungen und 61 Baureste (i.w.S.) dokumentiert. Die Eingrabungen setzten sich zusammen aus einem mittelalterlichen Brunnen, 15 mittelalterlichen bis neuzeitlichen Gruben und 18 mittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Pfosten (davon 2 als Graben erkannt). Unter die Baureste zählen ein mittelalterlicher Keller sowie fünf jüngere mit zugehörigen Kellerwänden, die teils auch die Fundamente der aufgehenden Bebauung bilden. Es konnten 23 weitere mittelalterliche bis neuzeitliche Fundamente, fünf Pflaster und zwei Feldsteinsetzungen erkannt werden.

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3 Kenntnisstand

3.1 Historische Quellen

Bernau liegt am Rande des Niederen Barnim in der historischen Landschaft Barnim und gehört zu den im Zug des hochmittelalterlichen Landesausbaus entstandenen Städten, deren schriftliche Überlieferung meist im 13. Jh. einsetzt. Einen Quellenverlust stellen, wie vielerorts, Stadt- bzw. Rathausbrände dar. So sind die Bernauer Bestände bereits im 15. Jh. vernichtet worden. Noch im 17. Jh. entstanden historische Werke, die einen Teil der Überlieferung erhielten. Darunter sind M. Merian 1652, T. Seiler bis 1736, darauf aufbauend A. Wernicke 1894 sowie die Quellensammlung durch A.F.J. Riedel hervorzuheben.
Erste Erwähnungen des Ortes Bernau sind für das Ende des 13. Jhs. nachzuweisen. So ist 1292 "Barnow" bzw. 1296 "in Barnove" überliefert. Bereits 1300 ist von "antiqua Bernaw" sowie im 14./15. Jh. von "Olden Bernow" die Rede. Eine Stadtrechtsverleihung ist nicht erhalten. Die Übernahme bzw. Übertragung eines Stadtrechtes an Bernau wird für die erste Hälfte des 13. Jhs. angenommen und vor 1292/1296 erfolgt sein. In diesen Quellen ist Bernau bereits als Sitz eines Probstes bzw. als "civitas" verzeichnet.
Der Kern der Stadt wird bei der höchst gelegenen Marienkirche im Norden der Stadt vermutet. Dort ist ein leicht unregelmäßiger dem Gelände angepasster Straßenverlauf erkennbar. Für den Teil wurde ein vorstädtischer Marktort angenommen. Weder Burg noch Kietz bzw. slawische Vorbesiedlung sind bisher nachweisbar. In dem Areal liegt das Untersuchungsgelände an der Kirchgasse/Ecke Hohe Steinstraße. Es schließt sich westlich der sog. Oberpfarre an, dem vermutlichen Sitz der Pröbste von Bernau.
Die spätestens im 14. Jh. entstandene Stadtmauer umfasste die gesamte, abgerundet-viereckige Stadt mit gitternetzförmigem Straßenraster um den südlich der Kirche gelegenen rechteckigen Markt mit Rathaus. Die Stadtbefestigung war ausgestattet mit teils drei-/vierfachen Wällen und Gräben, Wiekhäusern bzw. Türmen und drei Toren, dem Mühlentor im Norden (1885 abgerissen), dem Berliner Tor im Westen (um 1790 abgerissen) und dem Steintor im Osten. Teile der Wälle, der Stadtmauer und das Steintor, sind erhalten bzw. rekonstruiert worden. Über die Befestigung hinaus vergrößerte sich die Stadt erst im 19. Jh.
Stadtgründer sind wie eine Stadtrechtsurkunde nicht überliefert. Seit dem 13. Jh. sind jedoch die Markgrafen von Brandenburg Stadtherren Bernaus. Die Siedlung entwickelte sich an einem Verkehrsweg, der von Südwesten nach Nordosten verlief. An dieser mittelalterlichen Heer- und Handelsstraße waren Voraussetzungen zur Gründung einer Stadt gegeben. Der Markt wird zur lokalen Versorgung gedient haben.
Bedeutender Erwerbszweig war bis weit in die Neuzeit die Landwirtschaft. Die Bernauer Feldmark fällt relativ groß aus und wird gebildet aus der eigentlichen Stadtfeldmark sowie den Dorffluren der wüsten Dörfer Lindow und Liepnitz. Später wurden weitere Flächen erworben, so das wüstgefallene Schmetzdorf und halb Schönow. Die erste erwähnte Mühle wird Bernau 1347 übereignet; die Hellmühle bei Ladeburg. Mehrere nah gelegene Windmühlen fanden sich vor dem sog. Mühlentor im Norden der Stadt und Wassermühlen an der Panke.
Die allgemeine wirtschaftliche Situation der Stadt konnte zwischen dem 14.-16. Jh. einen Aufschwung verzeichnen, wurde im 17./18. Jh. nach dem 30jährigen Krieg schwieriger, aber erst der Aufstieg Berlins und die Industrialisierung verschärfte die Entwicklung. Auch der Bau der Chausseen, der im 19. Jh. die Südwest-Nordost-Verbindung über Werneuchen bzw. Basdorf führte, trug zum Bedeutungsverlust der Stadt bei. Dadurch gingen neben dem Verkehr auch die Zolleinnahmen verloren. Nach einer Stagnations- und Erholungsphase verzeichnet Bernau derzeitig eine positive Bevölkerungsentwicklung.
Die eindrucksvolle Marienkirche, Zeugnis der mittelalterlichen Bedeutung und Wirtschaftskraft der Stadt, entstand vermutlich vom 13./14.–16. Jh. 1328 wurde das Sankt Georgs Hospital nordwestlich der Altstadt von der Tuchmacher- und Gewandschneidergilde gestiftet. Eine Lateinschule ist vor 1477 bzw. am Kirchplatz ab dem 16. Jh. überliefert. Neben diesen und der Stadtmauer sind heute nur wenige mittelalterliche bzw. frühneuzeitliche Gebäude in ihrer Bausubstanz erhalten. Weitere mittelalterliche Hospitäler mit Kapellen sind das bei dem Steintor gelegene Heiliggeist- sowie Sankt Gertrud Hospital, die nach dem 30jährigen Krieg verfielen. Eine Kalandsbruderschaft ist ab dem 14. Jh. nachweisbar.
Brände zerstörten bis ins 19. Jh. wiederholt Teile der Stadt. Bei dem nachweislich ersten von 1406 brannte das Rathaus ab und der Großteil der städtischen Urkunden ging verloren. Epidemien sind besonders im 16./17. Jh. erwähnt und führten u.a. zur Schließung des Friedhofs bei der Marienkirche. Kriegerischen Auseinandersetzungen trotzte Bernau mehrfach. So konnte es sich 1402 gegen die Pommern und Quitzows sowie 1432 gegen die Hussiten zur Wehr setzen, nahm jedoch im 30jährigen Krieg erheblichen Schaden.
Während des II. Weltkriegs wurde wenig der Bausubstanz beschädigt bzw. zerstört. Die städtebaulichen Umplanungen in der DDR-Zeit und deren Ausführungen ab den 1970er Jahren griffen dagegen stark ins Stadtbild ein und minimierten den bis dahin weitgehend erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern. Während der Abrissphasen ging auch die Vorbebauung auf dem Untersuchungsgelände verloren.

Stadtansicht von Merian, 1652
Bildliche Überlieferungen liegen seit dem 17. Jh. vor. So ist ein Kupferstich von M. Merian überliefert, auf den sich wenig später D. Petzold bezog. Darauf ist Bernau von Süden aufgenommen und erhöht dargestellt. Das Stadtbild wird dominiert von der Stadtkirche (hier als Sankt Catharinen) und dem Rathaus. Am linken Bildrand sind Windmühlen und das Sankt Jürgen (Georg) Hospital vor dem Mühlentor erkennbar. Die Stadt stellt sich mit umgebener intakter Stadtmauer dar, die durch Wiekhäuser verstärkt und durch Berliner und Steintor durchlässig ist. Neben dem Steintor sind das Heiliggeist und das Sankt Gertrud Hospital verzeichnet. Die zur Befestigung gehörenden Wälle und Gräben sind nebst einer Palisadenwand im Vordergrund dargestellt.
Auf dem Urmesstischblatt von 1839 ist der mittelalterliche Stadtkern von der Befestigung umgeben erkennbar. Die Aufnahme geschah vor der Stadterweiterung in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. Die Bahnanlagen waren bereits gelegt und somit die sumpfige Niederung südlich der Stadt weitgehend trockengelegt. Bei der sog. Waschspüle im Osten der Stadt sind noch mehrere kleine Bäche erkennbar, die der Panke zuzurechnen sind. Auch die Windmühlen, das Sankt Georg Hospital und der nach der Pest zwischen die Wälle verlegte Friedhof sind erkennbar.
Einer der ersten Stadtpläne wurde 1911 aufgenommen und zeigt ebenfalls den bis dahin kaum veränderten mittelalterlichen Stadtgrundriss mit bedeutenden Bauten (rot), Frei- und Gartenflächen (grün) und dem bebauten Altstadtgebiet (dunkelgrau). (Abb. 6) Ein nachfolgender Plan aus den 1920er Jahren stellt sich noch mit der seit dem 18. Jh. bekannten Nummerierung der Häuser dar (s.u.) und lässt differenzierter als der ältere die Bebauung auf dem Untersuchungsgelände erkennen.

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3.2 Archäologische Quellen

W. Haß und J. Winkler erwähnen in ihrem Führer durch die Stadt Bernau von 1956 ältere Grabungen unter der Stadtkirche, bei welcher Grundmauern einer kleineren "Dorfkirche" beobachtet wurden. Vorgeschichtliche Funde (Urnen), die angeblich aus dem Stadtgebiet stammen sowie gesicherte, 1954 vor dem Steintor geborgen, konnten ebenso verzeichnet werden. Auch Kellergewölbe des 14./15. Jhs. wurden unter dem Westteil des Rathauses ergraben.
Ch. Plate legte die bis 1998 dokumentierten Befunde zu Stadtbefestigungen im Land Brandenburg vor. Darunter sind für Bernau mehrere Aufschlüsse angeführt. So konnte D. Kunert 1997 am südöstlichen Rand der Stadt, östlich des Steintores Reste der ehemaligen Doppeltoranlage aufdecken sowie Hinweise auf eine Brücke. 1998 wurden im Bereich des Steintores neuzeitliche Baustrukturen durch R. Herrmann aufgedeckt. Auch im Zuge der Stadtmauersanierung fanden verschiedene archäologische Untersuchungen in dem Areal statt. In der Nähe des Steintores konnte ein Bohlenweg freigelegt und Bestandteile beprobt werden, dort datierte ein Holz um/nach 1230. Weitere Dendrodaten stellte T. Westphal vor. Davon sind drei mit Waldkante erhalten: aus einem Hausbereich stammt ein Holz 1239 ±WK, von einer möglichen Brücke beim Steintor/Hussitenstraße eines 1253 WWK sowie vom Mühltordamm 1289 WWK. Die Daten legen einen Siedlungsbeginn vor der ersten Erwähnung nahe, waren 2002 für weitergehende Interpretationen jedoch zu wenig.
B. Wanzek dokumentierte 1993 am Angergang einen Schnitt durch einen Stadtgraben mit Holzkonstruktionen. Die Hölzer wiesen Fälldaten von 1425 und 1482 sowie 1792 und 1802 auf. Jh. Wobei erstere eine Befestigungsphase im 15. Jh. und letztere nach Wanzek die Verfüllung des Stadtgrabens im 18./19. Jh. nachweisen. Während von Ost über Nord nach West bis zu vier Wälle und drei Gräben vorhanden waren, ist südlich nur ein Graben nachweisbar. Die vorgelegten Untersuchungsergebnisse beziehen sich auf den mittleren Graben, der einer Rekonstruktion nach, auch südlich anzunehmen ist.
Auf dem Grundstück Bürgermeisterstraße 2 konnten B. Wanzek und B. Wittkopp 1994 wegen einer Neubebauung archäologische Dokumentationen durchführen. Der Bereich liegt südwestlich der Marienkirche und führt von der Kirche vorbei am Markt zur Berliner Straße, die den innerstädtischen Verlauf der Heer- und Handelsstraße darstellt. Es konnten Fundamentreste ebenerdiger Gebäude sowie vier Kellerräume erkannt werden, die von den Abrissmaßnahmen der 1980er Jahre übrig geblieben sind. Die Keller wiesen Ziegelfußböden auf, die ebenerdigen Räume waren durch eine Rollsteinlage, gestampftem Lehm bzw. ebenfalls durch Ziegel befestigt. Außerhalb der Fundamente und –gräben konnten ungestörte Areale beobachtet werden. In diesen unbebauten Bereichen wurden Aufschlüsse bis in den anstehenden Boden dokumentiert. Darin war über dem anstehenden Sand stets eine mittelalterliche Kulturschicht zu beobachten, von der Pfosten und Gruben eingetieft wurden. Die Keramik, meist Scherben harter Grauware, datiert ins 13.-16. Jh. Es fand sich ein Gefäßfragment, das nach Wanzek und Wittkopp ins 12. Jh. datiert werden kann. Neben diesen Schichtaufschlüssen konnten unterhalb der Kulturschicht Reste eines Bootes in Plankenbauweise, teils verkohlt, dokumentiert werden. Auch in der Verfüllung des Bootes fanden sich Keramik, bearbeitete Knochen, Fischschuppen, Eisenfragmente, Brandlehm und eine grün glasiert Kleinplastik. Zudem lagen Hinweise auf eine Anlegestelle vor.
Ein zweites Grundstück in der Brauerstraße 16 konnte wegen des Sparkassenneubaus beobachtet werden. Auch dort wurde der Abriss nicht kontrolliert, beim Bodeneingriff aber wurde ein mittelalterlicher Feldsteinkeller freigelegt, geborgen und wieder eingesetzt. Der Keller bestand aus unbehauenen Feldsteinen in Mörtel. Es wurden zwei Bauphasen nachgewiesen, die sich in Wand- und Bodenaufbau unterschieden. Der Keller war 4,6 x 5,3 m groß, 2,4 m hoch. Der ältere, fast quadratische Teil war mit Ziegelplatten ausgelegt. Im 16. Jh. wurde er überformt und vergrößert, die Mauerstärke betrug 0,75 m. Im Hof waren ein Feldsteinbrunnen und eine Grube mit Holz-, Leder- und Fischresten erkennbar.
1999 konnte B. Wittkopp Bereiche um die Marienkirche untersuchen. Dabei wurden Reste der Toranlage des Mühlentores sowie Straßenpflaster ca. 1 m unter der Geländeoberkante in der Mühlenstraße und der nördlichen Kirchgasse dokumentiert. In dem Teil wurden zur aktuellen Straßenflucht verschobene Brunnen und Bebauungsreste erkannt. In der Kirche konnte ein Vorgängerbau aufgenommen werden, dessen Fußboden in ca. 0,8 – 1 m Tiefe lag und 1280/90 datiert. Da dieser Bau ältere Bestattungen stört, ist mit einem früheren an der Stelle zu rechnen. Auch die überlieferte Friedhofsmauer konnte mittig in der Mühlenstraße aufgefunden werden. Es wurden nahezu 300 Bestattungen angetroffen und dokumentiert. Der Friedhof um die Marienkirche wurde 1598 während einer Pestepidemie geschlossen und vor das Mühlentor verlegt. So fanden sich hauptsächlich mittelalterliche Gräber und wenige des 17./18. Jhs. Als besonderer Befund sind Nachweise von spätmittelalterlichen Glockengussanlagen zu erwähnen. Die noch heute in Bernau befindliche Glocke des 15. Jhs. könnte in einer der Gussanlagen hergestellt worden sein.
2006 führte K. Grüneberg Untersuchungen südwestlich der Marienkirche durch. Diese beinhalteten Teile der Mühlen- und Grünstraße. Auch dort wurde die alte Bausubstanz abgerissen. Bei den Grabungen wurden ab 1 m Tiefe Kellerreste angetroffen, u.a. ein Feldsteinkeller, der einen mit Ritzung versehenen Sandstein barg, die als "1461" erkannt wurde. Der Stein "stand" auf dem Kopf, war wohl zweitverwendet und gäbe so einen terminus post quem an. Die Schichtenfolge stellte sich wie folgt dar: auf dem anstehenden Sand lag ein Weghorizont, darunter waren Pfosten und Gruben eingetieft, darüber lag eine Planierung, in der Grünstraße von einem Graben geschnitten und überlagert von einer Kulturschicht. Die wiederum war überlagert von einer schmalen Brand-, gefolgt von einer mittelalterlichen Kulturschicht, darüber waren die frühneuzeitlichen und neuzeitlichen Verfüllungen. In der Mühlenstraße fanden sich im Straßenraum Bebauungsreste der ehemaligen Wohnhäuser und ein mit Ziegeln aufgemauerter Feldsteinbrunnen. Unter den Funden fallen Fragmente von Topfkacheln und von Gefäßen aus harter Grauware mit gekerbter plastischer Leiste gefunden werden.

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4 Bodenbedingungen

Der Barnim liegt mittig bis nordöstlich im dem Norddeutschen Tiefland zugehörigen Brandenburg. Das zur älteren Jungmoränenlandschaft zu rechnende Grundmoränenplateau der Barnimer Hochfläche wird südlich begrenzt durch das Berliner Urstromtal, westlich die Havelniederung, nördlich das Eberswalder Urstromtal sowie östlich das Oderbruch. Er ist unterteilt in den Hohen Barnim nordöstlich und den Niederen Barnim südwestlich. Bernau liegt am nordöstlichen Rande des Niederen Barnim. Das Plateau wurde maßgeblich vom Brandenburger Stadium der Weichselkaltzeit geprägt und geformt. Die sog. Frankfurter Eisrandlage läuft nördlich von Bernau mitten über den Barnim.

 


Geologisches Urmesstischblatt 1766 von 1870/71


Bernau befindet sich leicht erhöht in einer flachwelligen, seenarmen Landschaft. Östlich und südlich wurde die Stadt umgeben von der bzw. lag teilweise in der breiten sumpfigen Niederung des Panketals. Der Bodenaufbau wird durch weichseleiszeitliche Geschiebemergel und seine Verwitterungsprodukte bestimmt. Im Stadtgebiet stehen Geschiebemergel- bzw. Geschiebelehme an, in denen unregelmäßig Sandlinsen und –bänder eingelagert sind und die von Decksanden überlagert werden können.
Im Bereich der nordwestlichen Stadtmauer und der Kirche liegt der höchste Punkt der Stadt. Das Gelände fällt nach Süden bzw. Nordosten zur Pankeniederung ab. Zwei wichtige Zugänge liegen im südlichen Altstadtbereich. Dort bot ein von Südwesten nach Nordosten ebenes Gelände gute Voraussetzungen für den wichtigsten Verkehrsweg Bernaus. Der Zugang zu Wasser ist eine Grundvoraussetzung jeder Siedlungsentwicklung. In Bernau bildet sich zum einen in den Sandbändern innerhalb des Geschiebelehms bzw. –mergels Schichtenwasser aus. Dieses kann z.B. durch Brunnen genutzt werden, die nach Wernicke noch im 19. Jh. gutes, klares Trinkwasser boten. Mit dem Auftreten von Stauwasser/-nässe in der Zone zwischen Decksanden und Geschiebeablagerungen muss vor allem nach starken Niederschlägen und im Frühjahr (Schneeschmelze) gerechnet werden. Auch innerhalb der Untersuchung konnten Bereiche mit Schichtwasser erfasst werden.
Eine zusätzliche Versorgung mit Wasser ist durch die Panke gewährleistet. Auf der Barnimer Hochfläche entspringt die Panke in Schichtquellen. Im nördlich von Bernau gelegenen Pankeborn ist eine dieser Quellen anzunehmen. Der aufgrund des geringen Gefälles ursprünglich stark mäandrierende Pankelauf passierte Bernau von Nordosten kommend in südwestliche Richtung. Im sumpfigen Gebiet östlich und südlich um Bernau wurde die Panke durch Quellbäche zusätzlich genährt. Weiter nach Berlin fließend, an Geschwindigkeit und Wasserführung zunehmend, entwässert sie in die Spree.
Heute in ihrem nördlichen Lauf kaum wahrnehmbar bzw. inzwischen in künstlichen Gräben war die Panke im Mittelalter dort schiffbar und wurde zur Bewässerung des Stadtgrabens genutzt. 1736 erwähnte bereits Seiler die Wasserarmut der Panke sowie das Fehlen eines schiffbaren Flusses. Nach Wernicke und Rachel floss die Panke ursprünglich im Bereich Neue Straße durch Bernau und wurde später abgeleitet. Auch für das Brauereigewerbe war das Pankewasser unverzichtbar.

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5 Befundlage und Erhaltungsbedingungen, Stratigraphie

Das leichte Gefälle des Baufeldes in nordöstlicher Richtung beeinträchtigte die Erhaltung der Schichten und Befunde, z.B. durch Erosionserscheinungen, nicht. Der anstehende Boden wurde im gesamten Untersuchungsareal bei tieferen Eingriffen ab 1,2 – 1,7 m unter der Geländeoberkante erreicht. Der ockerfarbene Lehm war teils von Sand überlagert bzw. durchzogen und wurde durchschnittlich bei 71,25 – 71,35 m ü. DHHN angetroffen. Im südwestlichen und nordöstlichen Teil war der Boden stark durchfeuchtet, im Bereich von Stelle 21 bildete sich Schichtenwasser. Direkt über dem anstehenden Boden waren sandige, teils humose bis lehmige, oft mit Holzkohleflitter durchsetzte mittelalterliche Schichten festzustellen. Ab 71,35 m ü. DHHN waren in allen ungestörten Teilflächen derartige mittelalterliche Horizonte erkennbar. In befundreichen Arealen griffen mittelalterliche Eingrabungen bis in eine Tiefe von 69,85 m in den anstehenden Boden ein. Vormittelalterliche Siedlungsnachweise konnten nicht erbracht werden. Auf einen Siedlungsbeginn im 13./14. Jh. deuten Funde der unteren Schichten und Befunde. Die mittelalterliche Schichtung wies eine Stärke zwischen 0,6 - 1,25 m auf und war stellenweise bereits ab 0,6 m unter der Geländeoberkante bei max. 71,90 m ü. DHHN feststellbar. Auch in den Plana der Flächen 39 und 41 wurde diese Beobachtung bestätigt. Die Bereiche, in denen sich mittelalterliche Schichten sehr hoch erhielten, lagen am Nord- bzw. Ostrand des Baufeldes und waren von späteren Einbauten nicht betroffen. Im südlichen Abschnitt des Baufeldes, in Fläche 2/39, konnte im Westbereich von Profil 3 und 4 sowie am Ostrand in Profil 35 über den horizontal gelagerten mittelalterlichen Straten eine Schicht dokumentiert werden, die Fundmaterial vom Mittelalter bis ins 16./17. Jh. enthielt. Schichtreste auf ähnlicher Höhe, zwischen 71,85 – 72,10 m, waren auch im Planum 1 der Fläche 39 sowie in Fläche 141 erkennbar. Aus dem Zeitabschnitt des 15.-17. Jhs. haben sich auch in den übrigen Flächen Funde erhalten. Schichten konnten jedoch nicht festgestellt werden. Ein Fehlen frühneuzeitlicher Schichten fällt z.B. im Ostbereich des Profils 4 sowie in 37 auf, wo den mittelalterlichen Schichten direkt neuzeitliche Auflagerungen folgten. Die frühneuzeitlichen Schichten wurden überlagert von stark durchmischten Schichten, die mittelalterliche bis neuzeitliche Funde enthielten. Das Fundmaterial reicht bis in das frühe 20. Jh. Im westlichen Abschnitt der Fläche waren diese Schichten ab 72,20 m ü. DHHN erhalten und noch 0,4 m stark. Im Ostbereich des Baufeldes sah dies im Bereich der Voruntersuchung ähnlich aus bzw. sind durch die tief eingreifenden Keller keine Aussagen möglich. Die oberste Auffüllschicht, die vor Anlage des Planum 1 entfernt wurde, ist durch den Abriss der Gebäude Ende des 20. Jhs. gebildet worden. Zu dem Zeitraum wurden auch min. drei der vier steinernen Keller verfüllt. So sind die festgestellten Störungen im Baufeld hauptsächlich durch die Gebäudefundamente der Vorbebauung, sowohl im Wohn- als auch im Hofbereich, sowie deren Einbauten hervorgerufen. Einige Fundamente reichten sehr tief in den anstehenden Boden, was vermutlich dem durch Schichtenwasser beeinträchtigten, bisweilen nicht tragfähigem Baugrund zuzurechnen ist.

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6 Ergebnisse

6.1 Befunde

Die Untersuchungsfläche wurde den ursprünglichen Parzellen entsprechend in Flächen eingeteilt: die südliche Parzelle läuft unter Fläche 39 (die Voruntersuchungsfläche 2 liegt darin), die mittlere Parzelle wurde als Fläche 40 und die nördliche als Fläche 41 erfaßt. Diese Parzellierung war für die mittelalterliche Besiedlung nicht festzustellen. Die mittelalterlichen Befunde und Schichten können aufgrund der ausschnitthaften Einblicke nicht über das gesamte Baufeld hinweg miteinander in Bezug gesetzt werden. Es ist jedoch festzustellen, dass es mehrere mittelalterliche Phasen gibt. Für eine flächige mittelalterliche Besiedlung des Baufeldes sprechen die an unterschiedlichen Stellen in der Fläche angetroffenen Eingrabungen die mittelalterliches Fundmaterial: Scherben harter Grauware (u.a. den Spinnwirtel), mehrere Steinzeugfragmente und zahlreiche Tierknochen mit Schnittspuren, Fischschuppen und Holzkohleflitter enthielten. Die Nutzung und Bebauung der Untersuchungsfläche begann nach Ausweis der Funde im 13./14. Jh. und reichte bis in die zweite Hälfte des 20. Jhs. Scheinbar bezogen sich in Fläche 39 bereits mittelalterliche Baureste (Bauflucht) auf die ab dem 15. Jh. namentlich überlieferte Kirchgasse. Auch das Areal an der ebenfalls mittelalterlich bekannten Hohen Steinstraße wies eine mittelalterliche Bebauung auf. Diese reichte jedoch weiter nach Norden unter den heutigen Gehweg und legt eine schmalere Straße als heute zugrunde. Eine mögliche mittelalterliche Aufteilung der Fläche konnte aufgrund der nachfolgenden Bauten nicht nachgewiesen werden. So konnten, wie in vorherigen Grabungen südlich der Kirche, auch nordöstlich davon direkt über dem anstehenden Boden eine mittelalterliche Kulturschicht und verschiedene mittelalterliche Befunde festgestellt werden.
Die mittelalterlichen/frühneuzeitlichen Befunde sind aus verschiedenen Gründen schwer fass-, datier- und interpretierbar. Es beschränken Störungen, baubedingte Dokumentationsmöglichkeiten sowie die relativ geringe Verfügbarkeit von Funden innerhalb der Befunde bzw. wenn vorhanden deren chronologische Langläufigkeit die Aussagemöglichkeiten. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass auch aus diesem Zeitraum gesamtflächig Funde und Befunde vorliegen, die auf Siedlungstätigkeit hindeuten und eine durchgängige Besiedlung annehmen lassen. Veränderungen sowie Umbauten, also Mehrphasigkeit, ist auch für diesen Horizont nachweisbar.
Aus den folgenden Jahrhunderten sind überwiegend Baureste in Form von Gebäude- und Kellerfundamenten überliefert. Diese wurden kontinuierlich genutzt und verändert. Die zwischen dem 17./18. Jh. sowie 19./20. Jh. entstandenen Fundamente der Wohn- und Nebengebäude dieser Flächen zerstörten mögliche ältere Vorgängerbauten, bezogen diese mit ein oder verwendeten deren Material erneut. Aufgrund der tiefgreifenden Fundamentierung können die Parzellengrenzen erst ab dem Zeitraum nachgewiesen werden. Diese bestanden bis zu ihrem Abriss Ende des 20. Jhs. Die Interpretation der Bauzusammenhänge und die Datierung der Fundamente wird gestützt durch die Ausführungen Werneckes aus dem 19. Jh., die den Baubestand der Wohnhäuser auf vor 1800 einschätzt. Auch seine Beschreibungen des Aussehens der Gebäude und des Inventars konnte z.B. anhand der Ofenkacheln bestätigt werden.
Anhand des Fundmaterials lässt sich zudem eine Konzentration der baulichen Veränderungen in den Hofbereichen am Ende des 19./ zu Beginn des 20. Jhs. erkennen, wie er ebenfalls bereits bei Wernecke anklingt. Aufgrund des Bebauungsplanes für die mittlere Parzelle von 1872 ist mit massiven Veränderungen nach 1872 zu rechnen. Diese Umstrukturierungen liegen wohl dem zu Beginn des 20. Jhs. entstandenen Stadtpan zugrunde, von denen sich im Bereich des Hofes nachträglich nur wenig änderte. Wann die seit dem 18. Jh. schriftlich überlieferte Parzellierung des Areals entstand, konnte in dieser Fläche nicht geklärt werden. Vermutungen zu einer älteren Zweiteilung, lassen die mittelalterlichen Befunde und später im Hofbereich Fundament 66 und der Plan von 1872 zu. Die Wohnbebauung spricht jedoch dagegen.

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6.2 Funde

Während der archäologischen Dokumentation wurden mittelalterliche bis neuzeitliche Funde geborgen. Die Materialgruppen umfassen Keramik: Gefäß-, Ofen- und Baukeramik (Ziegel), Porzellan, Glas, Tierknochen, Stein, Metall und Schlacke. Die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Funde wurden in situ sowie umgelagert beobachtet, was auf umfangreiche Bauaktivitäten in der Fläche hinweist. Das Gros der frühneuzeitlichen bist neuzeitlichen Objekte stammt aus den Abbruch- und Verfüllhorizonten.
Unter den mittelalterlichen Funden stechen zahlenmäßig die keramischen hervor. Eine Vielzahl von Fragmenten harter Grauware wurde geborgen, die sich zusammensetzt aus Gefäß- und Ofenkeramik sowie dem Spinnwirtel. Die Keramikscherben geben Einblick in ein größeres Spektrum an Gebrauchskeramik. Es waren unterschiedliche große Durchmesser sowie verschiedene Gefäßformen nachweisbar, gehenkelte Gefäße, solche mit Stand- und Kugelboden und Grapenfüße verschiedener Ausformungen. Neben Fragmenten mit unprofilierten bzw. leicht gekehlten Lippenrändern und Drehrillen kamen mehrfach zylindrische Hälse mit ausgezogener plastischer Leiste vor. Weiterhin fanden sich frühe Glasuren auf harter Grauware, unglasierte rote Irdenware sowie ein Fragment mit Brombeernoppenverzierung. Ebenfalls in mittelalterlichen Schichten und vergesellschaftet mit Scherben harter Grauware kamen Steinzeugfragmente zutage. Darunter sind violett oder rotbraun glasierte sowie hellocker geflammte Scherben Siegburger Art. Es kommen Fragmente mit enger Horizontalrippung bzw. teilweise schräger Kannelur verziert und mit Wellenfuß bzw. gekniffeltem Standring versehene vor. Im Fundmaterial von Bernau konnte wohl ein Imitat eines gekniffelten Standfußes geborgen werden, der aus harter Grauware gefertigt wurde. Am auffallendsten war jedoch die große Anzahl der Kachelfragmente aus grauer Irdenware, die besonders in Fläche 39 geborgen wurden. Im Ostbereich der Fläche wurde im Planum als auch in den Schichten dieser Höhe eine Vielzahl derartiger Scherben gefunden. Die mit Drehrillen versehenen Randfragmente weisen einen verdickten, oft innen schräg abgestrichenen, teilweise leicht gekehlten Rand auf. Auch kann an einem Fragment der Übergang zu einem wohl linsenförmigen Boden beobachtet werden. Die Funde lassen sich Topf- bzw. Beckerkacheln wohl mit quadratischer Mündung zuweisen und datieren wie die Gefäßkeramik ins 13.-15. Jh. Neben mittelalterlicher Ofen- und Gefäßkeramik wurden auch baukeramische Objekte geborgen. Ziegelsteine und –fragmente fanden sich in mittelalterlichen, umgelagert in jüngeren Schichten und waren stellenweise in den Fundamenten verbaut. Es erhielten sich Fragmente mittelalterlicher Dachziegel mit Fingerstrich an der Oberseite. Mehrfach konnten zudem Ziegel beobachtet werden. Darunter zählen sowohl großformatige Ziegel (Klosterformat), als auch Formziegel unterschiedlichen Aussehens. An der nahe gelegenen Kirche sind ähnliche Ziegel verbaut. So wurde z.B. ein tropfenförmiger Formziegel aufgenommen, der als Tür- oder Fenstereinfassung gedient haben könnte. Sowohl in mittelalterlichen Schichten als auch Befunden, besonders den Gruben, wurden Tierknochen und Fischschuppen beobachtet. Die Knochen weisen mitunter Schnittspuren auf und können wohl als Speisereste angesehen werden. Neben der bereits erwähnten Silbermünze konnte in Fläche 136 noch ein weiteres metallenes Fundstück geborgen werden, das vermutlich mittelalterlich datiert. Es handelt sich hierbei um ein Bronzeblech von 2,7 x 1,6 cm Größe und einer Dicke von unter 0,5 mm. An einer Schmalseite fanden sich Stellen für aufgesetzte Niete, von denen einer erhalten ist. Gegenüber konnten zwei bandartige Verlängerungen erkannt werden, die zu einer Öse umgebogen waren. Eventuell handelt es sich bei diesem Fund um eine Buchschließe.
Das Fundspektrum der mittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Funde ist dem mittelalterlichen vergleichbar. Es fand sich hauptsächlich Keramik: noch harte Grauware, zunehmend vergesellschaftet mit heller Irdenware, die zumeist gelb und braun, aber auch grün glasiert war. In diesen Schichten und Befunden konnten ebenfalls Tierknochenfragmente, Glas und Metall geborgen werden. Das keramische Fundmaterial setzt sich wiederum zusammen aus Gefäß- und Ofenkeramik. Neben den überwiegend geborgenen Wandungsscherben sind vielfach Reste von Grapen oder Pfannen in Form von Grapenfüßen und Hohlgriffen erhalten. Ein leicht profiliertes Hohlgrifffragment aus heller Irdenware erhielt sich auf Pflaster 47 im Hofbereich der Fläche 39. Dieses wies Reste gelber Glasur auf und war mit einem sehr abgeriebenem Stempel versehen. Dieser war nur zur Hälfte erkennbar und daher nicht lesbar. Da sich der Stempel auf der Unterseite befand, handelt es sich wahrscheinlich nicht um eine Verzierung, sondern eine Marke des Herstellers, sog. Töpfer- oder Hafnermarke. Die renaissancezeitlichen Kacheln bildeten ebenfalls einen beträchtlichen Teil des Fundgutes. Es fanden sich Scherben grünglasierter Schüssel- sowie Blattkacheln aus heller und roter Irdenware. Darunter waren Fragmente von sog. Wappenkacheln sowie ein Bodenfragment einer Schüsselkachel mit Rosette. Bereits Strauss und Huth verweisen auf derartige Kacheln, die eine sehr weite Verbreitung hatten und auch aus Bernau seit längerem bekannt sind. Ebenfalls in den Zeitraum gehören grünglasierte Kachelrandfragmente auf denen ein gekrönter Doppeladler und rechts davon eine stehende Figur mit langem Gewand erkennbar ist. Die meisten Fragmente gehören jedoch zu grünglasierten Blattkacheln verziert mit einer Vase als Mittelpunkt und umgebenen floralen Ranken. ( Auch Bruchstücke renaissancezeitlicher schwarzbraun glasierter Ofenkacheln konnten geborgen werden. Diese waren gefertigt aus roter Irdenware und weisen z.B. Palmettenverzierungen auf. In der Verfüllung des Gebäudefundamentes 18 erhielt sich das Fragment einer Portraitkachel, die schwarzbraun glasiert die Hälfte eines frontal ausgerichteten Kopfes mit Gesicht mit Halskrause zeigt. Die Ofenkeramik war wie die Gefäßkeramik in allen Zeithorizonten nachweisbar. So fanden sich neben den bereits vorgestellten Kachelfragmente eine Vielzahl weiterer, die neuzeitlich datieren. Eine Monogrammkachel des 18. Jhs. konnte in Fläche 2 südlich der Kellermauer 8 geborgen werden. Dieses schwarzglasierte Stück zeigt wohl, stark verschlungen, das Monogramm von Friedrich Wilhelm Rex. Auf der Rückseite eines neuzeitlich einzuordnenden Fragments einer schwarzbraun glasierten Ofenkachel war ein Stempel erkennbar. Es erhielten sich die Buchstaben "C. SC(H)" in oberer Zeile sowie "N." in unterer. Auch hier wird es sich um eine Herstellermarke handeln. Die Vorderseite dieses Lesefundes aus dem Westbereich der Fläche 40 war durch eine geschwungene Palmette verziert. Weiterhin fanden sich auf der gesamten Fläche in verschiedenen Aufschlüssen monochrome, glatte schwarz- und weißglasierte Kacheln, teilweise mit floralen Ranken versehen. Aufgrund der Vielzahl der Kachelfragmente und ihrer Streuung im gesamten Bereich der Untersuchungsfläche ist anzunehmen, dass die dort befindlichen Wohnhäuser durchgängig seit dem Mittelalter, zumindest teilweise mit Kachelöfen ausgestattet waren. Dem Fehlen jüngster Kacheln aus dem 20. Jh. stehen die nachgewiesenen Kohlen in Keller 42 entgegen. Die Gefäßkeramik des 17./18. – 20. Jhs. ist geprägt durch glasierte und malhornverzierte Irdenware, Essgeschirr in Fayencetechnik, Steingut, Steinzeug besonders in Form unterschiedlich großer Aufbewahrungsgefäße sowie Porzellan für Ziergegenstände und Tafelgeschirr (Vase, Tassen). Auch bei diesen konnten Markenzeichen erkannt werden. So ist ein Steinzeugfragment der Fläche 40, zu einer Mineralwasserflasche gehörig, mit Herkunfts- bzw. Brunnenstempel versehen, der unter dem lesbaren "NIGREICH" eine Krone zeigt. Unter den wenigen steinernen Fundstücken (darunter zwei Schieferbruchstücke, eventuell von einer Dachdeckung) fällt ein 4 cm langer, 1 cm breiter und im Querschnitt dreieckiger max. 5 mm hoher Feuerstein auf. Dieser wurde als Lesefund in Fläche 2 geborgen. Nach Form und Größe könnte es sich um den Bestandteil eines Steinschlosses handeln. Steinschlösser fanden z.B. Verwendung in Steinschlosszündungen von Waffen oder Steinschlossfeuerzeugen. Diese wurden im 17. Jh. entwickelt und fanden die größte Verbreitung und Anwendung im 18. Jh.

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(M. Brauns, Th. Hauptmann 2010)

PROJEKTBEZEICHNUNG: Baubegleitende Dokumentation
Kirchgasse/ Hohe Steinstraße
Neubau Wohnhaus mit 8 Wohneinheiten

AUTOREN: M. Brauns, Th. Hauptmann
BAUHERR/AUFTRAGGEBER: Hoffnungstaler Anstalten Lobetal
UNTERSUCHUNGSZEITRAUM: 22.06.2009 - 28.09.2009
ARCHIVNR. DES BLDAM: UBO2009-074
INVENTARNR. DES BLDAM: 2009:1278

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historisches Messtischblatt Urmesstischblatt 1766 von 1839 (aufgen. u. gez. P. L. v. Roeder, Staatsbibliothek zu Berlin)


Stadtplan Bernau von 1911
Stadtplan von 1911 (aufg. von Architekt Dosske, Staatsbibliothek zu Berlin)

Stadtplan Bernau
Bebauung der Altstadt bis 1965

Stadtplan Bernau
Restbestand der Bebauung nach Abriss

Ansicht Kirchgasse Bernau 1950
Ansicht Kirchgasse um 1950/53 (Sammlung H. Werner)

Ansicht Kirchgasse Bernau 1980
Ansicht Kirchgasse um 1980 (Sammlung Hübler)

Parzelle Bernau Kirchgasse
Parzelle in einem Stadtplan Anfang 20. Jh. (Sammlung H. Werner)

Lageplan der Grabung Bernau Kirchgasse
Lageplan mit geplantem Neubau (PDF hinterlegt)

Technischer Gesamtplan der Grabung Bernau Kirchgasse
Technischer Gesamtplan 1. Planum (PDF hinterlegt)

Technischer Gesamtplan der Grabung Bernau Kirchgasse
Technischer Gesamtplan 2. Planum (PDF hinterlegt)

Befundplan der Grabung Bernau Kirchgasse
Befundplan 1. Planum (PDF hinterlegt)

Befundplan der Grabung Bernau Kirchgasse
Befundplan 2. Planum (PDF hinterlegt)

Bauphasenplan der Grabung Bernau Kirchgasse
Bauphasenplan (PDF hinterlegt)

Arbeitsfoto Ausgrabung Bernau Kirchgasse
während der Ausgrabung

Arbeitsfoto Ausgrabung Bernau Kirchgasse
während der Ausgrabung

Ausgrabung Bernau Kirchgasse Profil durch Keller
Profil durch einen mittelalterlichen Keller (Stelle 88)

Ausgrabung Bernau Kirchgasse
Funde aus dem mittelalterlichen Keller: Scherben, Ziegelfragmente, Tierknochen

 

Ausgrabung Bernau Kirchgasse
mittelalterlicher Brunnen (Stelle 21)

 

Ausgrabung Bernau Kirchgasse
Funde aus mittelalterlichen Schichten

 

Ausgrabung Bernau Kirchgasse
spätmittelalterlicher Pfostenbefund

 

Ausgrabung Bernau Kirchgasse
Funde aus spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Befunden

 

Ausgrabung Bernau Kirchgasse
Funde aus spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Befunden

 

Ausgrabung Bernau Kirchgasse Keller
frühneuzeitlicher Keller (Stelle 75)

Ausgrabung Bernau Kirchgasse
Pfosteneingrabungen (Stellen 78 und 79)

 

Keller Ausgrabung Bernau Kirchgasse
neuzeitliche Keller

Ausgrabung Bernau Kirchgasse Keller
neuzeitlicher Keller (Stelle 5)

Ausgrabung Bernau Kirchgasse Keller
neuzeitlicher Keller (Stelle 42)

Ausgrabung Bernau Kirchgasse Keller
neuzeitlicher Keller (Stelle 43)

 

Ausgrabung Bernau Kirchgasse
Funde aus neuzeitlichen Schichten


Arbeitsfoto Ausgrabung Bernau Kirchgasse Fund aus Feuerstein: Bestandteil eines Steinschlosses einer Waffe




7 Literatur:
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L. Enders, Historisches Ortslexikon für Brandenburg, Teil VI Barnim (Weimar 1980).
K. v. Elgger, Die Kriegsfeuerwaffen der Gegenwart (Leipzig 1868).
Autorenkollektiv der Bauakademie der DDR, Industrieller Wohnungsbau in innerstädtischen Umgestaltungsgebieten: Erfahrungsbericht über die Beispielplanungen der Städte Bernau, Gotha und Greifswald, Bauforschung Baupraxis 50 (Berlin 1980).
K. Grüneberg, Archäologischer Abschlussbericht zum BV: Neubau Mühlenstraße, UBO 2006:95 (unveröffentlichter Bericht Berlin 2008).
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M. Henkel, Der Kachelofen – Ein Gegenstand der Wohnkultur im Wandel (Göttingen 1999).
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U. Kersting, Ausstellungen im Bodendenkmal. Ein mittelalterlicher Steinkeller in Bernau, Lkr. Barnim, Archäologie in Berlin und Brandenburg 1995-1996 (1997), 163-165.
E. Kirsch, Die Keramik vom 13. bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts in Berlin/Brandenburg (Berlin 1994).
M. Merian, Topographia electoratus Brandenburgici et ducatus Pomeraniae. Beschreibung von Berlin, Köpenick, Spandau, Bernau und Potsdam, (Frankfurt/M. 1652), originalgetreuer Druck, L. H. Wüthrich/M. Zeiller (Hg.), (Frankfurt/M. 1987).
Ch. Plate, Graben, Wall, Mauer und Turm. Die Stadtbefestigung im archäologischen Befund aus Untersuchungen im Land Brandenburg 1991-1998, in: J. Kunow (Hg.), Befestigungen brandenburgischer Städte in der archäologischen Überlieferung (Wünsdorf 2000), 1-34.
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K. Strauss, Kacheln und Öfen der Mark Brandenburg (Strassburg 1926).
B. Wanzek, 570 Jahre Stadtgraben. Untersuchungen im Bereich der mittelalterlichen Befestigung von Bernau, Lkr. Barnim, Archäologie in Berlin und Brandenburg 1993-1994 (1995), 137-138.
B. Wanzek/B. Wittkopp, Spätmittelalterliches Boot entdeckt. Archäologische Untersuchungen im Stadtkern von Bernau, Lkr. Barnim, Archäologie in Berlin und Brandenburg 1993-1994 (1995), 136-137.
A. Wernecke, Bernauer Stadt-Chronik nach Amtlichen und anderen sicheren Quellen (Bernau 1894).
Th. Westphal, FrüheStadtentwicklung zwischen mittlerer Elbe und unterer Oder zwischen ca. 1150 – 1300 (Bonn 2002).
U. Wielandt, Notizen zu Budapest Hunyadi János Bitterquelle. Der Mineralbrunnen 11/2008, 370-371.
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