Birkenwerder (OHV)

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse Birkenwerder, Lkr. OHV, Grundstück während der Ausgrabungen






2 Allgemeines

Die Bauvorhaben befinden sich im Bereich der eingetragenen Bodendenkmale Nr. 1 und 3, einer Siedlung der Bronzezeit und einer mittelalterliche Dorfwüstung. Mehrere Dokumentationen in der unmittelbaren Umgebung des Baufeldes erbrachten in den letzten Jahren zahlreiche, gut erhaltene Reste der intensiven vorgeschichtlichen und hochmittelalterlichen Nutzung des Areals. Im Zuge der Verlegung der Schmutzwasserkanalisation im Jahre 2004 wurden erstmals umfangreiche Reste der bislang unbekannten mittelalterlichen Dorfwüstung Birkenwerder untersucht. Diese erstreckt sich über den gesamten Bereich der westlichen Havelstraße und die daran anschließenden Seitenstraßen. Des weiteren wurden sehr zahlreiche Befunde einer spätbronze- früheisenzeitlichen Siedlungsstelle angetroffen. Im Bereich der geplanten Bauvorhaben wird zudem in den Ortsakten des Märkischen Museums ein slawischer Burgwall erwähnt, der bei Anlage der Grundstücke im frühen 20. Jh. abgetragen worden sein soll.
Beide Bauvorhaben umfassten die Errichtung eines nicht unterkellerten Einfamilienhauses und der zugehörigen Medienzuleitungen. Aufgrund des nach Westen zur Havel hin abfallenden Geländes wurde die Gründungsebene der Bodenplatte vollflächig in den gewachsenen Boden eingetieft. Die Eingriffstiefe umfasste dabei 0,5 bis ca. 1,5 m.

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3 Kenntnisstand

3.1 Historische Quellen

Die erste urkundliche Erwähnung Birkenwerders datiert in das Jahr 1355. Markgraf Ludwig der Römer versprach Johann von Buch Hilfe bei der Errichtung eines „borchfreeden tu Bergkenwerder“. Der Markgraf übereignete dabei dem Hauptmann und Hofrichter Johann von Buch die Besitzung „Bergkenwerder“. Aus der Urkunde geht hervor, daß das Dorf „Bergkenwerder“ im Besitz des verstorbenen Ritters Ywan von Nybede war. Im Jahre 1369 starb Johann und hinterließ seiner Frau und dem Sohn die Dörfer Berkenwerder, Nyendorf (Hohen Neuendorf), Hermannsdorp (Hermsdorf) und Bockstorff (Borgsdorf). Im Landbuch von Kaiser Karl IV. wurde 1375 in „Berkenwerder“ eine Mühle, einen Krug sowie mehrere Kossäten erwähnt. Um 1450 gehörte das Dorf der Familie von Bone, 1480 den Grafen Johann und Jacob von Lindow. Hier tauchte erstmals die Schreibweise Birkenwerder auf. Als Kirchdorf wurde es 1459 erwähnt . 1504 verkaufte Graf Joachim von Lindow-Ruppin das Rittergut an den ehemaligen Bürgermeister von Berlin, Jacob Wins. Im Jahre 1524 enteignete der Kurfürst Joachim I die rechtmäßigen Eigentümer Birkenwerders, die Brüder Wins. Erst nach deren Tod vier Jahre später, erhielten deren jüngere Brüder alle geraubten Güter zurück. Ein Gregor Wins war auch noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts Besitzer von Birkenwerder. Zwischen 1620 bis 1632 wechselten die Besitzer mehrfach. Der Geheime Kurfürstliche Kabinettsrat Lewin von Knesebeck kaufte 1632 das Gut Birkenwerder mit all seinen Besitzungen für 18.000 Taler. Nach seinem Tod im Jahre 1638 ging der Besitz an seine Brüder über, die ihn 1641 an Franz von Hacke veräußert. Birkenwerder blieb von den Kriegswirren des 30jährigen Krieges nicht verschont. Bei einer Bestandsaufnahme durch kurfürstliche Landreiter im Jahre 1649 wurde festgestellt, daß in Birkenwerder nur noch ein Kossätenhof bewohnt war. Der Gutshof und die Schäferei waren zerstört, beide Mühlen stark beschädigt und der Weinberg verwildert. Das Gut Birkenwerder war seit 1649 im Besitz der Hofmeisterin der Kurfürstin Luise Henriette, Frau Elisabeth Eleonore von Kleist. 1653 kaufte der Kurfürst das Gut Birkenwerder mit den dazugehörenden Dörfern Bergfelde, Hohen Neuendorf und Borgsdorf vom Kurfürst. Die Besitzungen wurden dem kurfürstlichen Amt Oranienburg, das seine Frau, Luise Henriette selbst verwaltete, unterstellt. Birkenwerder war jetzt eine kurfürstliche Domäne mit einen Gutsverwalter mit zwei Knechten und zwei Mägden. Neben dem Verwalter lebten noch vier Kossäten in Birkenwerder. Am 25. März 1666 wurde das Gut Birkenwerder unter sechs Freibauern aufgeteilt. Fünf neue Bauernhäuser wurden hinter der neuen Holzkirche, die 1663 erbaut wurde, errichtet. Jeder Bauer erhielt zwei Ochsen und zwei Kühe, jährliche Pacht und Zinsen wurden fällig. Von weiteren Verpflichtungen wurden sie befreit. Die zum Gut gehörenden Kossäten blieben weiter hier, mußten aber auf dem Gut Pinnow jährlich 117 Tage Frondienste ableisten. 1667 verstarb im Alter von nur 39 Jahren die Kurfürstin Luise Henriette von Oranien. Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts wurde wenig überliefert. Um 1722 lebten ca. 110 Bauern, Kossäten, Knechte, Mägde, ein Müller, ein Schneider und ein Hirt in Birkenwerder. Nach Ende des 7jährigen Krieges lebten um 1770 nur noch 6 Bauern und 4 Kossäten mit Knechten und Mägden im Ort. Insgesamt waren es nur 70 - 80 Einwohner. Schon 1786 stieg die Einwohnerzahl wieder auf über 200 Menschen. Die französische Revolution von 1789 und der Sieg Napoleons über Preußen im Jahre 1806 führte auch in Birkenwerder zu Veränderungen. 1839 hatten die Bauern in Birkenwerder ihre Unabhängigkeit erreicht. Die Entdeckung umfangreicher Ablagerungen von sand- und kalkhaltigem Ton aus der letzten Eiszeit in der Umgebung, der sich hervorragend zum Brennen von Ziegeln eignete, führte zur Errichtung von Ziegeleien. Die erste Ziegelei produzierte 1837 den sogenannten "gelben Birkenwerder Klinker". Zeitgleich erhielt die Havelschiffart einen Aufschwung. Viele Schiffer siedelten sich in Birkenwerder an und transportierten Torf aus dem Rhinluch zwischen Fehrbellin und Kremmen zu den Ziegeleien nach Birkenwerder und gebrannte Ziegel nach Berlin und Oranienburg. Auch der Kirchenneubau des Baumeisters August Stühler von 1847 besteht aus den gelben Ziegelsteinen. Die Bevölkerungszahl stieg stetig an und 1856 lebten bereits 614 Einwohner, darunter ca. 30 Schifferfamilien, in Birkenwerder. Dies führte dazu, daß Birkenwerder 1874 ein eigener Amtsbezirk wurde. über die Entstehung des Namens gibt es verschiedene Ansichten. Am wahrscheinlichsten ist der Ursprung aus den niederdeutschen Wörtern Berke für Birke und Werder für Flußinsel. Der älteste Teil von Birkenwerder heißt heute noch „Am Werder“. Auch die slawischen Begriffe Briese und Breza für Birken könnte man im übertragenen Sinne als Birkenfluß oder Birkenwald interpretieren.

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3.2 Archäologische Quellen

Das Baufeld lag etwa 1200 m westlich des heutigen Dorfkernes an der Mündung der Briese in die Havel (Plan 1). Es handelt sich dabei um eine flache etwa 500 x 200 m große Talsandzunge, die in die Havelniederung hineinreicht (Plan 3). Somit entsteht eine nach drei Seiten durch Niederung geschützte Situation, die gleichzeitig den Verkehrsweg Havel kontrolliert. Schon die gesicherte Geländesituation in einem als Verkehrsweg genutzten Flusstal ist als vor- und frühgeschichtlicher Fundplatz prädestiniert. Dies zeigen auch die Altfunde, die vor allem während der Erstbebauung in den 1930er Jahren gemacht wurden. Dabei angeschnittene Gruben und eine Kulturschicht belegen eine recht gut erhaltene spätbronzezeitliche Siedlung (Fpl. 1). Aus der Kulturschicht konnte neben einem neolithischen Steinbeil Keramik mit Rillen, Hohlkehlen, geritzten Linien, Punktgrübchen mit Rillen, Turbanrändern und Reste von Köpenicker Tellern geborgen werden. Bei der Bebauung im Bereich des Fpl. 1 wurden nach Aussagen von Anwohnern (v. a. Hr. Waschke, Weidenweg) zahlreiche Körpergräber angeschnitten, deren genaue Lage und zeitliche Einordnung nur grob einzugrenzen ist. Weiterhin wurde an der Spitze der natürlichen Halbinsel vermutlich ein slawischer Burgwall bei der Parzellierung abgegraben (Fpl. 3). Dieser wurde urkundlich im Jahr 1525 erwähnt Auf einer Karte von 1732 ist an der Stelle Burgwall eingetragen . Beim Abtragen des Hügels im Jahr 1932 wurden Herdstellen und Pfosten beobachtet. Es konnten aber keine Befestigungen nachgewiesen werden. An Fundmaterial trat mittel- und jungslawische Keramik, harte Grauware, ein Sporn, zwei Pfeilspitzen und einen Knochenpfriem auf . Seinerzeit wurde die Zerstörung dieser wichtigen Fundstelle nicht dokumentiert, so daß deren genaue Lage, Ausdehnung und Aufbau unbekannt sind. Ein mittelalterlicher Befund mit Teersiedekeramik war 1943 auf dem Grundstück Havelstraße 53 beim Rigolen angeschnitten worden. Der Grundstückeigentümer barg graubraune (slawische??) Keramik mit Resten von Teer, Eisenschlacke und ein Beschlagstück aus Eisen. Im Jahre 1944 fand eine kleinere Grabung unter der Leitung des in Birkenwerder wohnhaften Rektors i. R. und ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegers Neumann statt. Er wies drei weitere mittelalterliche Bestattungen nach und fand Keramik der Bronzezeit Periode V-VI. Im Bereich der Havelstraße, die sich am Südhang der Landzunge entlang zieht, zeigte sich bei vorangegangenen Ausgrabungen (PRH2004DOK158) eine komplizierte Stratigraphie. So waren dort unter teilweise mehreren mittelalterlichen und neuzeitlichen Straßenhorizonten eine vorgeschichtliche Kulturschicht und zahlreiche Befunde recht gut erhalten. Weiterhin konnten neben einigen rezenten Bombentrichtern mehrere kolluvial sedimentierte Abflussrinnen vom heute abgegrabenen Oberhang mit vorgeschichtlichen Funden untersucht werden. Da der Reihersteig und der Weidenweg hohlwegartig in den Sandrücken eingetieft wurden, waren dort keine Befunde und Kulturschichten erhalten. Jedoch zeigten sich zahlreiche Befunde und eine Kulturschicht in den Bereichen des Wendenplans und Mühlenfeldes, die nicht eingetieft wurden. Von einer steinzeitlichen Besiedlung zeugten einige Silexartefakte, die jedoch ausnahmslos als Lesefunde zu Tage traten. Weiterhin ließ sich im Zusammenhang mit der Errichtung der SW-Kanalisation, wie erwartet, eine intensive spätbronzezeitliche Besiedlung im gesamten Spornbereich nachweisen. Zahlreiche Siedlungsgruben und Feuerstellen sowie eine in vielen Bereichen erhaltene bronzezeitliche Kulturschicht und reiches Fundmaterial belegen eine intensive Nutzung des Areals am Beginn des ersten vorchristlichen Jt. Weiterhin konnte ein bronzener Fingerring (Altfund, von einer Anwohnerin gemacht) aufgenommen werden. Von dem in den 30er Jahren des 20. Jh. an der Briesemündung abgegrabenen spätslawischen Burgwall konnten bis auf wenige Einzelfunde keine Spuren nachgewiesen werden. Der Nachweis der slawischen Besiedlung ist im Zusammenhang mit der Interpretation der bisher unbekannten mittelalterlichen Wüstung bedeutsam. Völlig unerwartet wurden im Baufeld der SW- Kanalisation drei mittelalterliche Erdkeller angeschnitten und teilweise untersucht. Die ca. 4,5 m messenden, ehemals holzverbauten Kellergruben enthielten in der Verfüllung zahlreiche Funde des 13. Jh. Anhand der gut erhaltenen, verkohlten Reste der Holzkeller konnte deren Aufbau rekonstruiert werden. Die Keller besaßen einen Schwellbalkenkranz, der die Eckpfosten trug und die Wände aus Spaltbohlen aussteifte. In einem Fall ließ sich eine außenliegende Kellertreppe mit Tür nachweisen. Als Bauholz diente ausschließlich Eichenholz. Die verkohlten Reste mehrerer Balken ermöglichten die eindeutige dendrochronologische Datierung des Bauholzes in die Jahre 1257/58. Ein weiterer derartiger Keller wurde von Anwohnern in der Straße am Reihersteig beobachtet. Es wurden zahlreiche Funde aus diesem Keller, die ebenfalls in das 13./14. Jh. datieren, übergeben. Bei der Dokumentation der Erdarbeiten zur Errichtung eines Einfamilienhauses in der Havelstraße 39 (PRH2005-035) konnte neben zahlreichen anderen Befunden ein gut erhaltenes mittelalterliches Grubenhaus mit umfangreichem Fundmaterial des 13. Jh. untersucht werden. Besonders diesem seltenen, hervorragend erhaltenen Befund kommt für die mittelalterliche Hausforschung Brandenburgs eine Große Bedeutung bei. Mit diesen, im ländlichen Kontext Brandenburgs bisher selten untersuchten Kellern und dem Grubenhaus konnte eine mittelalterliche wüste Dorfstelle nachgewiesen werden. In Verbindung mit den aus den Altfunden bekannten Körpergräbern, deren mittelalterliche Datierung als gesichert gelten kann, sind Aussagen zur dörflichen Gliederung möglich. Aus dem Umstand, daß keine Körpergräber in den Bautrassen angeschnitten wurden, läßt sich der Gräberfeldbereich einschränken. Weitere Bedeutung erhält die Wüstung im Zusammenhang mit dem 1200 m östlich gelegenen Birkenwerder, welches 1355 erstmalig erwähnt wird. Die geringe Entfernung legt nahe, daß es sich bei der Wüstung um die Erstgründung „berkgenwerder“ handelt, die im 14. Jh. etwas nach Osten, an den Brieseübergang der wichtigen Handelsroute von Berlin in die mecklenburgischen Städte und an die Ostsee verlagert wurde. Damit ist das Dorf Birkenwerder bereits 100 Jahre vor der urkundlichen Ersterwähnung im Jahre 1355 errichtet worden. Die Havelniederung im Bereich der Briesemündung ist von zahlreichen Fundplätzen umgeben. Einige davon sollen kurz erwähnt werden, da sie wichtig für die Bewertung der Fundplätze Birkenwerder 1 und 3 sind. Die dichte bronzezeitliche Besiedlung des Gebietes läßt sich an vier weiteren Fundplätzen im Umkreis von ca. 2 km belegen. Der Fundplatz Birkenwerder 8, der östlich ans Baufeld anschließt, lieferte ebenfalls bronzezeitliche Funde und dürfte zu derselben Siedlung wie Fpl. 1 gehören. Vom Fundplatz Hohen Neuendorf Nr. 1 auf der anderen Seite der Briesemündung stammen weitere bronzezeitliche Funde. Ein Gräberfeld der späten Bronzezeit ist vom Fundplatz Hohen Neuendorf Nr. 5, etwa 1,5 km südöstlich vom Baufeld gelegen, bekannt. Für das Mittelalter können die nebeneinanderliegenden Fundplätze Birkenwerder Nr. 1, 3 und 8 als wüste Dorfstelle zusammengefaßt werden. Auf dem nahegelegenen Fundplatz Birkenwerder Nr. 2, gegenüber der Dorfwüstung auf der anderen Brieseseite gelegen (Plan 4), konnte mittelalterliche Teererzeugung nachgewiesen werden. Ein weiterer Teersiedestandort mit mittelalterlicher Keramik ist der Fundplatz Hohen Neuendorf Nr. 2 (etwa 1 km südöstlich von der wüsten Dorfstelle gelegen). Von dem an der Briesemündung gelegenen, bereits erwähnten, Fundplatz Hohen Neuendorf Nr. 1 stammen weitere mittelalterliche als auch slawische Funde. Ein anderer slawischer Fundplatz liegt auf der anderen Seite der alten Havel gegenüber des Fundplatzes Birkenwerder 3. Mittelalterliche Keramik und vier neuzeitliche Bestattungen stammen vom Fundplatz Birkenwerder 12, der 500 m westlich vom Untersuchungsraum liegt. Interessanterweise traten vom Fundplatz Birkenwerder 11 (Plan 4) im jetzigen Ortskern keine mittelalterlichen Funde auf, obwohl die 1355 erwähnte mittelalterliche Burg dort lokalisiert wird. Auf dem, ebenfalls im jetzigen Dorfkern liegenden Fundplatz Birkenwerder 15 (Plan 4) fand man bei der Erneuerung der Brücke über die Briese Holzreste einer älteren Brücke, mittelalterliche Keramik und eine slawische Scherbe. Während der Dokumentation der Medienerschließung des bislang unbebauten Geländes am Havelufer im Jahr 2006 (PRH 2006-191) wurden neben vereinzelten bronzezeitlichen Siedlungsgruben und einigen, wahrscheinlich mittelalterlichen Eingrabungen drei stratigraphische Situationen vorgefunden. Im Süden und Südosten des Baufeldes, in dem sich die beiden im vorliegenden Bericht vorzustellenden Bauvorhaben befinden, liegt durch die Abgrabungen des 20. Jh. ein gekappter Bodenaufbau vor. In weiten Teilen des westlichen Bereich der Talsandzunge und ganz im Nordosten des Baufeldes sind unter einer 0,1-0,6 m starken, modernen Aufschüttung zahlreiche historische Schichten erhalten. In den übrigen Bereichen im nördlichen Teil des Baufeldes befindet sich unter einer teilweise bis 1,5 m mächtigen Aufschüttung aus Gewerbe- und Hausmüll der Niederungstorf der Havel bzw. einer ehemaligen Mäanderschleife. Die historischen Schichten gliedern sich in drei Zeithorizonte. über dem Anstehenden befindet sich ein begrabener Boden der ausschließlich mittelalterliches Material erbrachte. Er geht in den Niederungstorf über und bildet die nacheiszeitliche Oberfläche bis ins 13. Jh. Auffallend war hier das vollständige Fehlen slawischen Fundmaterials, obwohl nur wenig östlich der Literatur nach ein kleiner slawischer Burgwall bestanden haben soll und die betreffenden Schichten mindestens seit dem 17. Jh. überdeckt waren. Und diesem Zusammenhang fand sich ein bearbeitetes Eichenholzfragment, das ein Dendrodatum von 1218 erbrachte und ein sehr qualitätvoller bronzener Trensenknebel, der die Anwesenheit eines (wohl adligen) Berittenen im 13. Jh. anzeigt. Lediglich in den obersten, modern umgelagerten Schichten fand sich eine geringe Anzahl spätslawischer Gefäßfragmente. Diese älteste Oberfläche wird durch geringmächtige, sandige Aufschüttungen und einen weiteren, begrabenen Boden abgedeckt. Dieser läuft zum ehemaligen Ufer mit dem ältesten Horizont zusammen. Der zweite Horizont wird durch Keramik in das 17.-18. Jh. datiert. Er weist auch in deutlich höher gelegenen Bereichen Spuren temporärer Vertorfung auf, was auf eine starke nachmittelalterliche Vernässung schließen läßt. über diesem, barockzeitlichen Horizont befindet sich ein durchgehender, grausandiger begrabener Humus, der dem 19. / frühen 20. Jh. zugeordnet werden kann. Er bildet den jüngsten, dokumentierten Horizont und wird von den rezenten Auffüllschichten abgedeckt. Bemerkenswerterweise finden sich in den barockzeitlichen Ablagerungen auch größere Mengen Brandlehm, was auf ein unweit befindliches, brandzerstörtes Fachwerkgebäude in dieser Zeit hindeutet. Für eine Bebauung in dieser Zeit fehlten bisher Belege.

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4 Bodenbedingungen

Geprägt wird das Untersuchungsgebiet am östlichen Havelufer durch die eiszeitliche Landschaftsgenese mit weiten flachen Sandgebieten, die von Abflußrinnen zerschnitten werden. Teilweise haben sich kleinere Grundmoränenreste mit lehmigen Sanden erhalten. In den vegetationsarmen Perioden kam es zu Ausbildung größerer Dünengebiete, so z. B. östlich des heutigen Dorfes. Als wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung des Dorfes in der Neuzeit erwiesen sich die Tonlagerstätten nordwestlich vom heutigen Dorfkern. Das Baufeld liegt 1200 m westlich des heutigen Dorfkerns auf einem in die Havelniederung reichenden Geländesporn (Plan 3). Er wird nördlich von Niederungsböden, südlich vom Fluß Briese und westlich von einem Altarm der Havel begrenzt. Mit Höhen um die 36 m ü N.N. erhebt sich dieser um bis zu 5 m deutlich über die umgebende Niederung. Im Bereich der Talsandzunge liegen postglaziale Schwemmsande vor. Durch das sandige Substrat kam es in Hangbereichen am Rand des Sporns zu Erosionsvorgängen und der Bildung von Kolluvien. In den Niederungen findet sich Niederungstorf unterschiedlicher Mächtigkeit über älteren glazialen Sedimenten.
Das Baufeld befindet sich auf einer Schwemmsandfläche unmittelbar am Havelufer. Bedingt durch das durchlässige Substrat ist der Schichtenwasserspiegel hier identisch mit dem Havelspiegel und liegt heute bei ca. 1,8 m unter GOK.

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5 Befundlage und Erhaltungsbedingungen, Stratigraphie

In Bereich des Baufeldes 63 e hatte sich weder eine mittelalterliche noch eine ältere Oberfläche erhalten. Diese wurden mit der Geländeebnung Anfang des 20. Jh. abgetragen. Unter dem rezenten Humus befanden sich ca. 20 cm starke moderne Auffüllschichten, die direkt auf den Befunden auflagen. Diese waren im hellen anstehenden Schwemmsand deutlich erkennbar. Dagegen waren im Baufeld 63 f geringe Reste einer Oberfläche erhaltern, die über den mittelalterlichen Befunden lag.

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6 Ergebnisse

6.1 Befunde

Die Baufelder der benachbarten Einfamilienhäuser befinden sich am westlichen Ende der Havelstraße im Bereich der bekannten bronzezeitlichen Siedlung, einer vermuteten slawischen Burganlage und der mittelalterlichen Dorfwüstung. Bei der Herstellung der Medienerschließung (PRH2006-191) wurde in unmittelbarer Nähe ein in das Jahr 1218 dendrodatiertes Konstruktionsholz und ein bronzener Trensenknebel einer adligen Reiterausrüstung geborgen. Auf das Vorhandensein eines (befestigten) Rittersitzes im Bereich der heutigen Havelstraße gibt es bislang keinerlei Hinweise. Die Baufelder wiesen, abgesehen von einer neuzeitlichen Flächenabgrabung, kaum moderne Störungen auf. Die Abgrabung der etwas östlich gelegenen Kuppe kann aber hier nicht sehr tief eingegriffen haben, da sich auch relativ oberflächennahe Befunde wie Pfostenstandspuren und Siedlungsgruben erhalten haben. Einige Befunde in den Baufeldern lassen sich der bekannten, spätbronze- früheisenzeitlichen Siedlungsfundstelle zuordnen. Im Baufeld 63e (PRH2008-165) konnte ein mindestens 6 m breiter und 2 m tiefer, mittelalterlicher Graben untersucht werden, der von NNO nach SSW zum Havelufer verlief. Innerhalb des Befundes war eine deutliche Schichtung aus hellen weißgelben bis graubraunen Sandschichten mit unterschiedlich starkem Humusanteil erkennbar, die Grenzen zum anstehenden Schwemmsand waren klar und scharf. Darin fand sich wenig slawische Keramik und mittelalterliche harte Grauware. Dieser, zweifellos sehr aufwendig hergestellte Graben verlief anscheinend von der nordöstlich gelegenen (heute abgetragenen) Kuppe zum Havelufer. Er könnte Bestandteil einer Befestigungsanlage gewesen sein. Durch das kiesig-sandige Substrat war hier die Anlage von Entwässerungsgräben nicht erforderlich. In der Grabenverfüllung fand sich ausschließlich mittelalterliches Fundmaterial. Die Verfüllung wies keinerlei Spuren von stehendem Wasser auf, so daß es sich um einen Trockengraben gehandelt haben muß. Er kann nur sehr kurze Zeit bestanden haben, da sich an der Sohle und den Wänden keine Spuren von Bodenbildungen nachweisen ließen. In beiden Baufeldern fanden sich zahlreiche quadratische Gruben mittelalterlicher Zeitstellung, die eine rasterartige Anordnung aufweisen. Die nur noch wenige Dezimeter tief erhaltenen Gruben waren meist 0,6 x 0,6 m groß und enthielten nur sehr wenig mittelalterliches Fundmaterial. Sie wiesen meist stark diffuse Befundgrenzen auf. In einem Falle konnte im Zentrum eine Pfostenstandspur nachgewiesen werden. Die Gruben überlagerten den Grabenbefund und gehören damit einer jüngeren, aber ebenfalls mittelalterlichen Nutzungsphase an. Eventuell befand sich auf dem leicht zum Havelufer abfallenden Gelände ein größeres Bauwerk im Pfostenbauweise. Neben der Interpretation der Befunde als Pfostengruben kommt weiterhin die Anlage der Gruben im Zusammenhang mit der Teer- bzw. Pechproduktion in Betracht. Dabei wurde das Rohprodukt mitunter in einfachen Absetzgruben aufgefangen und dort konzentriert, um dann als Barren entnommen und weiter verarbeitet zu werden. Im südöstlich gelegenen Baufeld wurden neben den erwähnten Gruben zwei größere, mittelalterliche Eingrabungen angeschnitten, bei denen es sich nach Größe, Form und Habitus um mittelalterliche Brunnen bzw. deren Baugruben gehandelt haben dürfte.
Mit den kleinflächigen Untersuchungen der Einfamilienhäuser wurden Befunde aufgedeckt, die das kurzzeitige Vorhandensein einer urkundlich nicht belegten mittelalterlichen Befestigungsanlage am Westrand der Wüstung nahe legen. Dies bekräftigen die Funde aus den 2006 untersuchten Medientrassen. Diese hatte aber nicht während der gesamten Nutzungszeit der Dorfstelle im 13. und frühen 14. Jh. Bestand und wurde noch während dieser Zeit verfüllt und vermutlich mit einem Pfostengebäude überbaut.

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(Ph. Bach, Th. Hauptmann 2010)

PROJEKTBEZEICHNUNG: Baubgegleitende Dokumentation Neubau Einfamilienhaus Havelstraße

 

AUTOREN: Ph. Bach, Th. Hauptmann
BAUHERR/AUFTRAGGEBER: privat
UNTERSUCHUNGSZEITRAUM: 13. bis 15. 10.2008; 31.3 bis 24.4.2009
ARCHIVNR. DES BLDAM: PRH2008-165; PRH2009-024
INVENTARNR. DES BLDAM: 2008:1119; 2009:1199

© BAB Hauptmann + Bach GmbH 2011

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Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Plan 1: Aktuelle topographische Karte (TK 10, Blatt Nr. 3345 NW, NO)

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Plan 2: Historische topographische Karte (Urmesstischblatt Nr. 1764 von ca. 1840)

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Plan 3: Historische geologische Karte von ca. 1880 (geognostische Karte Abt. 44, Blatt 24)

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Plan 4: Verbreitung mittelalterlicher Fundplätze (Grundlage: geognostische Karte Abt. 44, Blatt 24, eigene Aufnahmen)

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Plan 5: Technischer Gesamtplan

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Befundplan PRH2008-165 (als PDF hinterlegt)

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Während des Oberbodenabtrags (PRH2008-165)

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Freilegung des Planums (PRH2008-165)

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Planum des Baufeldes (PRH2008-165), darin erkennbar der mittelalterliche Graben und die ebenfalls mittelalterlichen Pfosten(?)verfärbungen

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Der mittelalterliche Graben im Profil (PRH2008-165)

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Mittelalterliche Pfosten(?)grube im Planum (PRH2008-165)

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Pfostengrube im Profil (PRH2008-165)

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Mittelalterliche Keramik aus Graben 3 (PRH2008-165), Inv. Nr.: 2008:1119/1/4/1

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Mittelalterliche Keramik aus Graben 3 (PRH2008-165), Inv. Nr.: 2008:1119/1/5

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Befundplan PRH2009-024 (als PDF hinterlegt)

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Freilegung des Planums (PRH2009-024)

Ausgrabung Birkenwerder Havelstrasse
Planum des Baufeldes (PRH2009-024)

7 Literatur:
Corpus Archäologischer Quellen zur Frühgeschichte Band III (1979).
E. Dahlenburg: Birkenwerder 1355-1955 (1955).
M. Dörnenburg: Birkenwerder, ein historischer Spaziergang (1996).
H. Jerchel, Die Kunstdenkmäler der Provinz Mark Brandenburg, Niederbarnim, Berlin, (1939), 95.
Th. Hauptmann; U. Weiß: Abschlußbericht PRH2004DOK158 (SW-Erschließung), ungedr. Manuskript (Archiv BLDAM)
Th. Hauptmann; Abschlußbericht PRH2005-035 (BV Hoffmann) , ungedr. Manuskript (Archiv BLDAM)
Th. Hauptmann; Abschlußbericht PRH2006-191 (Medienerschließung Angelheim) , ungedr. Manuskript (Archiv BLDAM)
J. Herrmann: Katalog der vor- und frühgeschichtlichen Burgwälle, (1960).
L. Enders; Historisches Ortslexikon für Brandenburg. Teil IV Barnim (1980).
F. Horst: Die jüngere Bronzezeit im Havelgebiet, Katalog Band III/IV, ungedruckte Dissertation (1965).
H. Seyer: Ein mittelalterliches Haus vom Vorplatz der Berliner Nicolaikirche; Ausgrabung und Funde 29; S. 92 – 94; (1984).
www.birkenwerder.com: zusammengestellt von Jürgen Pfennig