Burgwall (OHV)

Ausgrabung Burgwall Havelstrasse
Burgwall, Lkr. OHV, Havelstraße während der Ausgrabungen





2 Allgemeines

Der Ort Burgwall liegt ca. 10 km nordwestlich der Havelstadt Zehdenick, dessen Ortsteil Burgwall heute ist. Die Stadt Zehdenick veranlasste im Herbst 2007 den Ausbau der Havelstraße im Ortsteil Burgwall mit einer archäologischen Baubegleitung. Diese wurde durch die BAB Hauptmann + Bach GmbH durchgeführt. Das Baufeld befindet sich im Bereich des Bodendenkmals "mittelalterlicher Dorfkern Burgwall und Burgwall Fpl. 3". Weiterhin waren im Bereich des Baufeldes seit Jahrzehnten Funde von Militaria aus den Beständen der ehemaligen NS-Reichskanzlei bekannt.



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3 Kenntnisstand

3.1 Historische Quellen

Der Ort Burgwall wurde im Jahr 1590 erstmal als "Borgwall" erwähnt. In den Jahren 1789 bis 1797 wurde hier vom Glasmacher Rathmann eine Glashütte betrieben, nachdem seine Basdorfer Glashütte eingegangen war . Die Burgwaller Glashütte wurde bereits mit Steinkohle betrieben, musste aber wegen Steinkohlemangels und Absatzschwierigkeiten 1797 den Betrieb ebenfalls einstellen. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die industrielle Ziegelproduktion in dem großen Tonstichgebiet nördlich von Zehdenick einsetzte, wuchs auch Burgwall auf annähernd 500 Einwohner, die größtenteils in den umliegenden Ziegeleien arbeiteten. Heute liegt der Ort im Schutzgebiet "Zehdenicker Tonstichlandschaft" und ist ein beliebter Anlaufpunkt für die touristische Havelschifffahrt. Bis zum Bau einer Brücke 1968 wurde von Burgwall aus eine Fähre über die Havel in Richtung Storkow betrieben, welche mit Sicherheit auch für Transporte der Glashütte und der Ziegeleien genutzt wurde, da sie der einzige übergang nördlich von Zehdenick war. Für den vermutlich namengebenden, angeblich jungslawischen Burgwall mit Siedlung, welche im Mittelalter wüst geworden war, existiert keine gesicherte Lokalisation. Eine Hypothese geht davon aus, dass der Burgwall beim Bau der Glashütte 1789 zerstört wurde. In diesem Fall hätte er sich auf dem Gelände der ehemaligen Schule im Nordosten des Ortes bis hin zum Friedhofsgeländes befunden. Eine andere Theorie besagt, der Burgwall habe sich etwa 300 m südöstlich von Burgwall am Rand der Havelniederung befunden. Reste dieses Burgwalles waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch sichtbar. Die Anlage von ca. 100 m Durchmesser hätte in diesem Fall eher eine Bedeutung als Grenzanlage denn für die Landesverteidigung gehabt . Zudem läge dieser dann außerhalb des Ortskernes von Burgwall und wäre für die vorliegende Maßnahme nicht relevant. Bisher kann keiner der beiden Standpunkte als wahrscheinlicher beurteilt werden. Weiterhin lagerte im heute noch existierenden Gasthaus "Zur Fähre" am Havelufer in Burgwall nach Aussagen von Anwohnern in den Jahren 1942 bis 1945 die Reichskanzlei ihre Vorräte an Orden und Auszeichnungen des Deutschen Reiches ein. Nach Kriegsende wurden auf Anweisung sowjetischer Truppen deutsche Verteidigungsstellungen damit verfüllt und Teile der Bestände in der Havel versenkt. Zu DDR-Zeiten erfolgte eine umfangreiche Teilbergung durch staatliche Organe (Polizei oder MfS). Die Fundstelle ist in der internationalen Militaria-Szene bekannt und wird häufig von illegalen Sondengängern aufgesucht.

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3.2 Archäologische Quellen

Aus der Umgebung von Burgwall sind einige ungenaue Einzelfunde bekannt. Erwähnt werden slawische und frühdeutsche Funde (gegurtete Scherben, blaugraue Keramik, wahrscheinlich Oberflächenfunde von 1942), sowie ein Schwert aus dem "Schutzbezirk Burgwall" (im Jahr 1877). Bei einer gemeinsamen Dienstreise des Amtes für Bodendenkmalpflege mit dem Pfleger für den Kreis Gransee im Jahr 1956 wurde die "Stelle des Burgwalles in Burgwall" aufgesucht. Es handelte sich dabei um das Gebiet zwischen der ehemaligen Schule und dem Friedhof. Es war "so gut wie überhaupt nichts mehr zu sehen" und es konnten auch keine oberflächigen Scherbenfunde gemacht werden . Im Jahr 2003 wurden aus Anlass der Neuverlegung von Stromkabel für die Straßenbeleuchtung die Bodeneingriffe in Burgwall von W. Schmiederer archäologisch begleitet. Es kamen keine Funde zum Vorschein .



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4 Bodenbedingungen

Burgwall befindet sich im Randbereich einer weichseleiszeitlichen spätglazialen Talsandterrasse im Übergang zu glazilimnischen Ablagerungen im Bereich der Havelniederung. Durch Erosion und Auswaschung sind die älteren Sande in der postglazialen, also holozänen Abflussbahn der Havel und ihrem Randbereich freigelegt worden. Im ansteigenden Verlauf des Baufeldes weg vom Havelufer gelangt man in den Bereich holozäner Talsande. Die glazilimnischen Ablagerungen näher an der Havel enthalten gebänderte Tonschichten unter Feinsanden. Damit übereinstimmend befindet sich Burgwall an der Grenze des Zehdenicker Tonstichgebietes, welches zeitweise das größte seiner Art in Europa war. östlich von Burgwall liegen zahlreiche Sanddünen. Der Verlauf der Bautrasse ist kuppenförmig, wobei die Kuppe selber modern gekappt ist. Dennoch ist das Gelände zur Havel hin tiefer abfallend (50,50 m über DHHN auf der Kuppe, 46,90 m über DHHN am Havelufer). In der Untersuchungsfläche wurde der pleistozäne Sand bereits in einer Tiefe von 50,00 m (auf der Kuppe, direkt unter der Geländeoberkante) bzw. 46,80 m angetroffen. Der B-Horizont war teilweise gekappt, so dass sich eine Stratigraphie nicht über den gesamten Trassenverlauf nachweisen ließ. Burgwall liegt unmittelbar am Ufer der Oberen Havel, wodurch sich auch die Bedeutung des Ortes herausbildete. Die Fähre, welche direkt am Ende der Havelstraße (also der Bautrasse) über die Havel führte, wurde 1968 durch eine Brücke ein kleines Stück südlicher ersetzt. Auch zu Zeiten des Tonabbaus kam der Havel als Transportweg große Bedeutung zu. Während des Betriebes der Glashütte kann ebenso von einer Nutzung dieses Weges ausgegangen werden (siehe die zahlreichen Glasmarken in der Havelstraße zwischen Glashütte und Fähranlegestelle). Wie bereits erwähnt, ist Burgwall heutzutage ein beliebter Anlaufpunkt der touristisch betriebenen Havelschifffahrt. Auf Grund der Nähe zur Havel befinden sich im Baugrund Einschwemm- und Stauwasserschichten (auf dem Ton).

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5 Befundlage und Erhaltungsbedingungen, Stratigraphie

Die Havelstraße in Burgwall war bisher eine größtenteils unbefestigte, zur ehem. Fähr-Anlegestelle an der Havel hin abfallende Straße, welche schon geraume Zeit genutzt wurde. Dennoch gab es im südwestlichen Bereich nur wenige Oberflächen, die Straße wurde immer wieder mit Schutt aufgefüllt. An der höchsten Stelle, der Einmündung in die Gerade Straße Richtung Tonstichgebiet und Zehdenick, war die alte Oberfläche gekappt. Nördlich davon fand sich auf einer kurzen Strecke eine gut erhaltene Kulturschicht mit Gruben. Die Befunderhaltung muss aber dennoch insgesamt als schlecht bezeichnet werden.

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6 Ergebnisse

6.1 Befunde

Im Zuge der Bauarbeiten wurde ein durchgehendes Profil vom südwestlichen Ende der Straße am Havelufer bis zur Kuppe an der Einmündung der Geraden Straße ansteigend und danach abfallend vor der ehemaligen Schule bis kurz vor den Friedhof dokumentiert. Die dabei aufgeschlossene Stratigraphie wies zwischen Havel und Kuppe hangaufwärts verschiedene Planierschichten auf, unter denen der natürliche Bodenaufbau teilweise erhalten war. In der Mitte des Baufeldes befand sich eine Glasschuttschicht mit diversen Glasmarken. Diese Funde stehen wohl in Zusammenhang mit der Glashütte, die in den Jahren 1789 bis 1797 vom Glasmacher Rathmann in Burgwall betrieben wurde. Die Marken weisen die Namen einiger umliegender Produktionsstätten in Brandenburg auf (z. B. Globso, Basdorf, Annenwalde), die wohl zum Recyceln zur Burgwaller Glashütte gebracht wurden und hier in die Erde gelangt sind. Burgwaller Glasmarken fehlten in dem Komplex. Für die nur regionale Bedeutung der hiesigen Glashütte spricht eine Burgwaller Glasmarke, die während einer anderen Maßnahme, in der Hospitalstraße in Zehdenick geborgen werden konnte. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die industrielle Ziegelproduktion in dem großen Tonstichgebiet nördlich von Zehdenick einsetzte, wuchs auch Burgwall auf annähernd 500 Einwohner, die größtenteils in den umliegenden Ziegeleien arbeiteten. Eine in der Havelstraße gefundene gusseiserne Abdeckung eines Beschickungsschachtes eines Ringofens stammt aus dieser Zeit. Heute liegt der Ort im Schutzgebiet "Zehdenicker Tonstichlandschaft" und ist ein beliebter Anlaufpunkt für die touristische Havelschifffahrt. Im gewachsenen Boden befanden sich vereinzelt Hinweise auf urgeschichtliche Siedlungstätigkeiten. Aus den stark verwaschenen Grubenbefunden konnte z.T. nicht näher einzuordnende urgeschichtliche Keramik geborgen werden. Die Kuppe selbst war gekappt, so dass hier der anstehende Sand direkt unter die heutige Straße heranreichte. Im nördlichen Abhang der Kuppe befand sich eine ca. 0,5 m starke Kulturschicht. Die Kulturschicht und die aus einer sich darin befindenden Grube geborgene mittelalterliche Scherbe deuten darauf hin, dass sich in diesem Gebiet wahrscheinlich die Anfänge der Siedlungstätigkeit von Burgwall befanden. In diesem Bereich um die ehemalige Schule wurde der namengebende Burgwall vermutet. Auf eine Befestigungsanlage jedweder Art und Zeitstellung wurden jedoch keine Hinweise gefunden. Die bisherigen überlegungen in Bezug auf einen früheren Burgwall konnten somit nicht bestätigt werden.

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6.2 Funde

Besonderes Aufmerksamkeit aus denkmalpflegerischer Sicht muss auf die Orden aus der Zeit des Dritten Reiches gelegt werden, die sich in Burgwall in der Umgebung des Gasthauses "Zur Fähre" finden lassen. Die Fundstelle ist seit Jahren in der internationalen Militaria-Szene bekannt und wird häufig durch illegale Sondengänger aufgesucht. Während der Baumaßnahme wurden drei Personen aus Österreich (davon zwei Taucher mit Metalldetektoren) aus diesem Bereich verwiesen. Insgesamt konnten während der Bauarbeiten über 1000 Abzeichen und einige Fragmente geborgen werden, die alle unter der nationalsozialistischen Herrschaft gestiftet, bzw. wie das Eiserne Kreuz erneuert, und als politisches Mittel eingesetzt wurden. Die geborgenen Orden und Ehrenzeichen gehören sämtlich zu einer Gruppe von Abzeichen, die für einen breiten Personenkreis gedacht waren und Massenware darstellten. Die gegen Kriegsende in der Berliner Reichskanzlei lagernden Bestände wurden mit anderem Mobiliar im Saal des Burgwaller Gasthauses eingelagert und nach Kriegsende in der Havel versenkt. Bei Baggerarbeiten an der Uferböschung wurden Teile der Orden im ufernahen Bereich umgelagert. Nach Berichten von Anwohnern wurden auch Kisten mit Orden in dem Bereich vergraben. Teile sollen auch zusammen mit den Pappschachteln verbrannt worden sein. Dafür sprechen zahlreiche Orden mit Brandspuren. Zu DDR-Zeiten sollen große Mengen ausgegraben und lastwagenweise abtransportiert worden sein.

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(B. Fritsch, Th. Hauptmann 2009)

PROJEKTBEZEICHNUNG: Baubgegleitende Dokumentation Ausbau Havelstraße

AUTOREN: B. Fritsch, Th. Hauptmann
BAUHERR/AUFTRAGGEBER: Stadt Zehdenick
UNTERSUCHUNGSZEITRAUM: 24.09.-19.11.2007
ARCHIVNR. DES BLDAM: PRH2007-144
INVENTARNR. DES BLDAM: 2007:1139

© BAB Hauptmann + Bach GmbH 2011

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Ausgrabung Burgwall Havelstrasse
Plan 1: Aktuelle topographische Karte (TK25 Blatt 2945)

Ausgrabung Burgwall Havelstrasse
Plan 2: Historische geologische Karte (Abt. 27 Blatt 69)

Ausgrabung Burgwall Havelstrasse
Plan 3: Historische topographische Karte (Urmesstischblatt 1478 von 1825)

Ausgrabung Burgwall Havelstrasse
Arbeiten im RW-Kanal

Ausgrabung Burgwall Havelstrasse
Arbeiten im RW-Kanal

Ausgrabung Burgwall Havelstrasse
urgeschichtliche Grube

Ausgrabung Burgwall Havelstrasse
urgeschichtliche Grube

Ausgrabung Burgwall Havelstrasse
Neuzeitliche Eingrabung

Ausgrabung Burgwall Havelstrasse
Neuzeitliche Eingrabung

Ausgrabung Burgwall Havelstrasse
Neuzeitliche Eingrabungen

Ausgrabung Burgwall Havelstrasse
Glasmarken des 18. Jh. aus dem Bereich der ehem. Glashütte

Ausgrabung Burgwall Havelstrasse
Konvolut von Orden des "3. Reiches"

Ausgrabung Burgwall Havelstrasse
Typenspektrum der Orden des "3. Reiches"

7 Literatur:
Lieselott Enders; Historisches Ortslexikon für Brandenburg. Teil VIII Uckermark, 1961(1980).
Joachim Herrmann und Peter Donat (Hrsg.); Archäologische Quellen zur Frühgeschichte auf dem Gebiet der DDR (7.-12. Jahrhundert), 2. Lieferung Bezirke Rostock und Neubrandenburg, Berlin 1979.
Jörg Nimmergut, Deutsche Orden und Ehrenzeichen bis 1945, Band 4, Württemberg II – Deutsches Reich, 2001.
Heinrich Doehle, Die Auszeichnungen des Großdeutschen Reichs : Orden, Ehrenzeichen, Abzeichen, 2000 (5. Auflage).
Vom Dorfe Burgwall, in: Templiner Kreiskalender 1936, 51-52.
Joachim Herrmann; Handbuch vor- und frühgeschichtlicher Wall- und Wehranlagen, Band 2: Die vor- und frühgeschichtlichen Burgwälle Groß-Berlins und des Bezirkes Potsdam, 1960.