Glambeck (OHV)

Glambeck, Lkr. OHV, freigelegte Grabgruben

 





2 Allgemeines

Durch die Gemeinde Löwenberger Land wurde im Jahr 2012 die Ortsdurchfahrt Glambeck, Lkr. OHV erneuert. Im Rahmen der Baumaßnahme wurde der gesamte Straßenkörper mit den Nebenanlagen erneuert und eine Trinkwasserlaeitung neu verlegt.
Der Dorfkern Glambeck stellt ein geschütztes Bodendenkmal (70237) dar. Dabei handelt es sich um die mittelalterliche und frühneuzeitliche Dorfwüstung mit Friedhof und dem neuzeitlichen Ortskern. Gegenstand der vorliegenden Dokumentation waren die unvermeidlichen Teilzerstörungen der Denkmalsubstanz durch die Tiefbauarbeiten im Zusammenhang mit der Baumaßnahme. Aufgrund von Ergebnissen vorangegangener Untersuchungen im Bereich des BV konnte dort der vermutete, mittelalterliche Entwicklungskern des Dorfes lokalisiert werden, das sowohl im 14. als auch im 17. Jh. wüst fiel und erst um 1700 durch die Ansiedlung von Schweizern in seiner heutigen Form errichtet wurde.

Im Bereich des Baufeldes sind in der Vergangenheit in geringer Tiefe Körpergräber beobachtet worden, die auf die Lokalisierung des Friedhofes einer früheren Dorfphase hindeuteten.

 

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3 Kenntnisstand

Glambeck findet in den schriftlichen Quellen des 13. Jh. keinerlei Erwähnung. Dennoch kann aufgrund der allgemeinen Besiedlungsentwicklung der Umgebung von einer Gründung des Dorfes um den Beginn des 13. Jh. ausgegangen werden. Erste Erwähnung findet das Dorf im Jahre 1348 als „Glambeke“, als es bereits wieder wüst gefallen, also verlassen war.
Noch im 16. Jh. waren die Höfe wüst und die Äcker wurden teilweise von den benachbarten Seebecker Bauern mit genutzt. Nach den Zerstörungen des 30-jährigen Krieges gänzlich verwüstet, wurde die Dorfstelle in den Jahren 1690/91 auf Betreiben des Kurfürsten mit neun Schweizer Familien neu besiedelt.
Glambeck ist damit eine der zahlreichen brandenburgischen Dorfwüstungen des Mittelalters, die seit dem 17. Jh. mit Neusiedlern aus verschiedenen Teilen Europas (Holland, Frankreich, Schweiz) besetzt wurden.

Das heute existierende Straßendorf Glambeck geht vollständig auf diese Neugründung zurück und besitzt keine Kontinuität zu einer älteren Besiedlungsphase. Der Friedhof wurde südlich des Dorfes neu angelegt, wo er noch heute benutzt wird. Lediglich die Platzwahl für die neun Höfe des kleinen Straßendorfes auf der etwa 300 m langen ovalen Sandkuppe am Niederungsrand, umgeben von der Feldflur des alten Dorfes war dieselbe wie die der ersten Siedler im Mittelalter. So bleibt die genaue Lage und Form des mittelalterlichen Glambeck im Dunkeln.

 

Glambeck, Lkr. OHV, Überlagerung des aktuellen Geländereliefs (Datengrundlage © LGB-BB) mit historischem Messtischblatt (rote Linien: im Relief erkennbare Wölbäcker)

 

Der Laserscan der Geländeoberfläche macht in den umgebenden Wäldern und Wiesen sehr zahlreiche Reste von Wölbäckern sichtbar. Sie dürften die gründungszeitliche Streifen- und Gewannfluren wiedergeben, die später wieder bewaldeten oder als Wiesen genutzt wurden.

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4 Bodenbedingungen

Naturräumlich und entwicklungsgenetisch befindet sich die Dorflage Glambeck auf einer kleinen, glazialen Kuppe, die von der stark gegliederten Umgebung durch kleine, heute als vernässte Niederungen ausgeprägte Schmelzwasserrinnen abgegrenzt ist .

Aufgrund der glazifluviatilen Entstehung der Erhebung liegen im gesamten Bereich der Dorflage sandige bis kiesige Substrate vor, die teilweise grobkiesige Einlagerungen beinhalten. In den abfallenden Randzonen der Kuppe kam es zur Ausbildung von Feuchtböden und zur Torfbildung, die das natürliche Substrat überlagern. Dort lag auch in den beobachteteten Profilen ein vollständiges Bodenprofil vor, während im Bereich der Kuppe und damit fast im gesamten Untersuchungsbereich ein gekapptes AC-Profil vorlag .

Dieser, durch eine neuzeitliche Abtragung der Hügelkuppe bedingte Kappung führte auch dazu, dass sich die mittelalterlichen Bestattungen teilweise unmittelbar unter der rezenten Geländeoberkante befanden.

Die das Dorf umgebende Niederungszonen werden heute zumeist durch Abzugsgräben entwässert und bilden einen fast vollständigen Ring aus Feuchtwiesen um die Dorflage. Sie bildeten in der Gründungszeit im 13. Jh. einen wirksamen natürlichen Schutz der Siedlung. Die historische Feldflur des Ortes lässt sich aufgrund erhaltener Wölbäcker in der gesamten Umgebung des Dorfes rekonstruieren. Sie umfasste sowohl sehr leichte Sandböden (vorwiegend westlich des Dorfes) und lehmige und anlehmige Böden im Osten. Erstere wurden nach dem Wüstfallen überwiegend aufgegeben und sind seitdem bewaldet. Östlich des Dorfes kam es im Bereich einer kleinen Rinne zur Ausbildung einer Kette aus etwa 14 rundlichen kleinen Binnenndünen. Hierin kann eine direkte Folge des Wüstfallens gesehen werden. Von den längere Zeit offenliegenden Ackerflächen des Dorfes wurde der Sand in die nahe gelegene Senke geweht und lagerte sich dort in Form von Kupstendünen am Strauchwerk ab.

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5 Befundlage und Erhaltungsbedingungen, Stratigraphie

 

Die Erhaltung der archäologischen Befunde wird durch die natürliche Bodengenese und die anthropogenen Veränderungen beeinflusst. Der befundführende Teil des Untersuchungsgebietes umfasst den zentralen Teil der natürlichen Erhebung, die den Großteil der Dorflage umfasst. Diese Kuppe wurde neuzeitlich erheblich abgetragen (gekappt). Alle in dem abgegrabenen Teil der Hügelkuppe befindlichen Teile der archäologischen Befundlage wurden dadurch zerstört. Die tiefer liegenden Körperbestattungen „rückten“ dadurch erheblich „nach oben“, so dass sie teilweise direkt unter der Grasnarbe bzw. dem Straßenpflaster anstanden. Für die Bestattungen kann jedoch eine vollständige Erhaltung konstatiert werden.

In den angrenzenden Niederungszonen im Norden und Süden des Baufeldes liegen Feuchtböden mit teilweise darüber ausgebildeten Kolluvien und massiven Auffüllungshorizonten vor. Hier kann eine vollständige Befunderhaltung, auch mit der Erhaltung von organischer Substanz erwartet werden. Allerdings wurden die betreffenden Tiefenbereiche aufgrund der relativ geringen Eingriffstiefe des Straßenbaus nicht erreicht.

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6 Ergebnisse

6.1 Kaiserzeitliche Grubenbefunde

Im Norden des beauflagten Teiles des Baufeldes durchquert die Straße eine flache Senke. Hier wurde im TWL-Graben unter den modernen Straßenschichten ein vorgeschichtliches Kolluvium angetroffen, das Keramik des 1.-2. Jh. (RKZ) enthielt. Das Material dürfte von einer, im Bereich einer nahegelegenen Kuppe gelegenen, bislang unbekannten Siedlung stammen.

Insgesamt wurden in den untersuchten Flächen 13 Befunde erfaßt, die als urgeschichtliche Gruben anzusprechen sind. Es handelt sich dabei um meist unregelmäßig geformte Verfärbungen mit flauen Grenze zum anstehenden Sand.

Die Verfüllung bestand aus ockerfarbenem bis hellbraunem Sand, teils mit Holzkohleflittern. Ob sie in Beziehung zu den oben erwähnten germanischen Keramikfunden stehen, kann mangels datierbarer Funde aus den Gruben nicht geklärt werden.

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6.2 Der mittelalterliche Friedhof

Die Tatsache, dass sich die frühe Dorfphase auf den Zeitraum des 13. und wahrscheinlich nur der ersten Hälfte des 14. Jh. beschränkt, macht den besonderen Wert der untersuchten Bestattungen aus. Die Ausdehnung der Gräber zeigt die Lage des mittelalterlichen Friedhofes und spricht am ehesten für ein Angerdorf. Die Kartierung der Sohltiefe der Gräber belegt die ehemalige natürliche Erhebung in der Dorfmitte, auf der der Friedhof angelegt wurde. Diese Kuppe wurde in nachmittelalterlicher Zeit um etwa einen Meter abgeflacht. Der ausgegrabene Teil des Friedhofes befindet sich etwas randlich zur ehemaligen Hügelmitte, wo der Kirchenstandort vermutet werden darf.


Glambeck, Lkr. OHV, Übersichtsplan mit den ausgegrabenen Bestattungen, farblich markiert ist die Sohltiefe: blau (tief) bis gelb (flach)

 

Bei den Grabungen im Bereich des mittelalterlichen Friedhofes wurden insgesamt ca. 180 Individuen nachgewiesen. Die Untersuchungsfläche umfasste geschätzt etwa ein Viertel der Gesamtfläche. Die Gesamtpopulation während der etwa fünf Generationen umfassenden, 150-jährigen Belegungszeit betrug demnach etwa 720 Individuen bzw. durchschnittlich 144 gleichzeitig Lebende. Damit war das frühe Dorf deutlich größer als die barocke Neugründung.

Das Sterbealter der Glambecker weist eine charakteristische Verteilung auf. Etwa 28% aller Bestattungen waren Kinder unter 12 Jahren mit einer deutlichen Häufung in den ersten 6 Lebensjahren. Mit etwa 33 % die größte Altersgruppe sind die Erwachsenen zwischen dem 20. und dem 40. Lebensjahr. Nur 20 % der Individuen erreichten ein höheres Alter.
Die Gräber sind bis auf eine Ausnahme vollkommen beigabenlos. Eine kleine Gürtelschnalle stellt das einzige Trachtbestandteil dar. Die Toten wurden in rechteckigen Särgen bestattet, deren Bretter mit Eisennägeln vernagelt wurden.
Umso außergewöhnlicher ist vor diesem Hintergrund das Grab einer etwa 30-jährigen Frau, das der dritten Belegungsphase angehört. Auf der rechten Brustseite befanden sich 62 Silberpfennige und Reste eines Lederbeutels. Die bis zur Unkenntlichkeit korrodierten, stark kupferhaltigen Münzen besitzen ein Gesamtgewicht von ca. 6 g, was ein durchschnittliches Gewicht ca. 0,11 g je Pfennig ergibt. Das sehr geringe Münzgewicht und der niedrige Silbergehalt lassen auf eine Entstehungszeit ab dem fortgeschrittenen 14. Jh. schließen. Die allgemeine Münzverschlechterung ging in dieser Zeit einher mit einem immer geringer werdenden Münzgewicht. So dürfte die Kaufkraft der Beigabe nur bescheiden gewesen sein.
Die anthropologische Untersuchung des Skelettmaterials liefert zahlreiche Hinweise auf die harten Lebensbedingungen der Glambecker Bevölkerung.
Mangelnde Hygiene, einseitige oder schlechte Ernährung sowie die ungesunden Lebensbedingungen in den verrauchten Häusern hinterließen deutliche Spuren an den untersuchten Skeletten. Eine Vielzahl in Glambeck Bestatteter litt an Erkrankungen des Zahnapparates die teilweise tödlich verliefen. Häufig verloren sie während ihres Lebens einen oder mehrere Zähne. Mit zunehmendem Lebensalter wiesen alle Individuen eine starke Abnutzung der Zähne durch steinmehlhaltiges Brot auf. Strukturveränderungen an den Zähnen und am Skelett lassen auf Mangelerscheinungen durch Hungerzeiten schließen. Entzündliche Erkrankungen, häufig an den Schleimhäuten, Gelenken und der Wirbelsäule waren weit verbreitet. Besonders häufig waren auch chronische Mittelohrentzündungen. Selten hingegen sind nachweisbare Verletzungen. Nur einmal wurde eine verheilte Schädelverletzung und zweimal verheilte Knochenbrüche beobachtet. Die Todesursache der Menschen ist nur selten feststellbar. Überwiegend  führten bei der Glambecker Bevölkerung wohl entzündliche Erkrankungen, Infektionen und Mangelerscheinungen zum Tode.
Bei den etwa gleichzeitigen Populationen aus Liebenwalde, Lkr. OHV und Götschendorf, Lkr UM, beide als grenznahe Orte im Umfeld einer Burg gelegen, waren Reiterfacetten an männlichen Erwachsenen sowie Spuren von Verletzungen durch Armbrustbolzen, Schwerthieben und Trümmerbrüche in nennenswerter Zahl zu beobachten. In Glambeck hingegen wurde derartiges in keinem Falle beobachtet. Die Glambecker Bevölkerung kann wohl am ehesten als eine hart arbeitende bäuerliche Gemeinschaft fernab der kriegerischen Auseinandersetzungen jener Zeit gesehen werden. Ertragarme Böden, Krankheiten und klimatische Veränderungen verhinderten eine weitere Entwicklung und führten zur Aufgabe des Dorfes.

 

Die Grabungen in Glambeck brachten nicht nur die Erinnerung an eine vergessene, frühe Siedlungsphase des Dorfes in Erinnerung. Mit den untersuchten Bestattungen liegt eine weitere, wertvolle Quelle zur Erforschung der Lebensumwelt der frühesten deutschen Siedlergenerationen im nördlichen Brandenburg vor.

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PROJEKTBEZEICHNUNG: Baubgegleitende Dokumentation Neubau Ortsdurchfahrt

 

AUTOREN: Ph. Bach, Th. Hauptmann
BAUHERR/AUFTRAGGEBER: Gemeinde Löwenberger Land
UNTERSUCHUNGSZEITRAUM: 14.06.2012 - 13.08.2012
ARCHIVNR. DES BLDAM: BRA2011BF253
INVENTARNR. DES BLDAM: 2012:799

© BAB Hauptmann + Bach GmbH 2014

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Glambeck, Lkr. OHV, kaiserzeitliche Grube

 


Scherben mit Rollrädchenverzierung


Scherbe mit Rollrädchenverzierung


urgeschichtliche Keramik

Glambeck, Lkr. OHV, Dokumentationsarbeiten

 


eiserne Sargnägel


eiserne Schnalle aus einem Grab


Bestattung mit Münzen


Münzen (Silberpfennige) aus dem Grab (14./15. Jh.)

 

 

Literatur:

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Breitinger, E.: Zur Berechnung der Körperhöhe aus den langen Gliedmaßen. – Anthropologischer Anzeiger 14 (1937), 249-274, Stuttgart

Brothwell, D.R.: Digging up bones. –2. Auflage. –London, 1972

Czarnetzki, A. (Hrsg.): Stumme Zeugen ihrer Leiden. Krankheit und Heilung vor der medizinischen Revolution.. Tübingen 1996

Enders, L. 1970: Historisches Ortslexikon für Brandenburg, Teil II, Ruppin (1970)

Ferembach, D/Schwidetzky, I./Stloukal, M.: Empfehlungen für die Alters- und Geschlechtsdiagnose am Skelett. - Homo 30 (1979), 1-32. Göttingen

Hauptmann 2002: Thomas Hauptmann Gemanen- Slawen- Deutsche. Im Stadtkern von Liebenwalde, Jahrb. AiBB 2001, S. 138ff

Hauptmann 2009: Thomas Hauptmann, Coczykendorp – Götschendorf, gab es eine Kirche im mittelalterlichen Dorffriedhof? Jahrb. AiBB 2008, S. 98ff

Herrmann, B., Gruppe, G., Hummel, S., Piepenbrink, H., Schutkowski, H., Prähistorische Anthropologie. Leitfaden der Feld- und Labormethoden (Berlin, Heidelberg, New York 1990)

Martin, R. Lehrbuch der Anthropologie. 2. Auflage. – Jena, 1928 Rösing, F.W.: Methoden und Aussagemöglichkeiten der anthropologischen Leichenbrandbearbeitung. – Archäologie und Naturwissenschaft. (1977), 53-80. Mainz/Bonn

Todd, T.W.: Age changes in the public bone. I. The male whithe pubies.- Amer. J. Physic. Anthrop. 3 (1920), 285-334. Philadelphia

Ubelaker, D. H.: Human skeletal remains. Excavation, analysis, interpretation. – Chicago, 1978

 

 

 

Präsentationen aktueller Projekte auf der Jahreskonferenz Landesarchäologie 2012 (Brandenburg/Havel 14.-15. März 2013)