Die Stadt unter der Stadt: Rheinsbergs frühe Stadtgeschichte unter der Bundesstraße 122

Das etwa 20 km nordwestlich von Neuruppin gelegene Städtchen Rheinsberg befindet sich am Ufer des Grienericksees, an der Mündung des Rhins. Die strategisch günstige Lage am Flussübergang und die slawische Vorbesiedlung der Region führte wahrscheinlich bereits in der 2. Hälfte des 12. Jh. zur Anlage einer landesherrlichen Burg, die seit 1291 als Sitz derer von „Rhynesberg“ urkundlich erwähnt wird. In dieser Zeit entsteht auch die sehr stattliche Kirche St. Laurenius sowie eine massive Stadtbefestigung aus Feldstein. Der zunächst als „civitas“, später als „municipio“ und seit dem 15. Jh. als „stat“ bezeichnete Ort entwickelte sich innerhalb dieser Grenzen zu einem regionalen Zentrum im Norden des Ruppiner Landes.

Ende 1733 erwarb der preußische König Friedrich Wilhelm I. den märkischen Adelssitz Rheinsberg als Kronprinzenresidenz für seinen damals 21- jährigen Sohn Friedrich. Dieser führte seinen Hof in Rheinsberg von 1736 bis zum Tode seines Vaters im Jahre 1740 und verlebte hier nach eigenem Bekunden die glücklichsten Jahre seines Lebens. Auch für Rheinsberg bedeutete dieses Zeit eine Blütezeit, förderte doch der junge Kronprinz das Städtchen, wo er nur konnte. Schon 1734 befreite er sie von allen Hofdiensten. Finanzielle Hilfen und Privilegien sollten das Handwerk stärken und die Ansiedlung von Manufakturen fördern. Er ließ er die Hauptstraße pflastern und gab Gelder für die Modernisierung der oft strohgedeckten Häuser. Der Weggang des jungen Königs Friedrich II nach Potsdam ging für Rheinsberg mit einer der schlimmsten Katastrophen der Stadtgeschichte einher. Ein verheerender Stadtbrand vernichtete am 14. April 1740 nahezu die gesamte Stadt. Nur wenige Häuser im Süden, die Stadtkirche und die Stadtmauer blieben erhalten. Dem Wiederaufbau ging eine Schadenskartierung und eine völlige Neuplanung durch die preußische Staatsverwaltung voraus. Der mittelalterliche Stadtgrundriss wurde aufgegeben und wesentlich vergrößert. Streng rechteckige Stadtquartiere, ein ebensolcher Marktplatz, breite Straßen und die Einbeziehung der Schlossanlage in den Stadtgrundriss sollten das neue, moderne Rheinsberg prägen. Die Scheunen und der Friedhof wurden aus der Stadt auf die vorgelagerten Felder verlegt. Nach der Beseitigung der Brandreste, die wohl einige Jahre in Anspruch nahm, wurde die Stadt nach und nach entsprechend der Planungen wieder aufgebaut. Sie besteht in dieser Form bis heute und bildet damit ein einzigartiges Bauensemble und Denkmal früher Stadtplanung. (Abb. 1).

Abb: 1: Das historische und moderne Stadtbild Rheinsbergs (rot: mittelalterlicher Stadtgrundriss, blau: Wiederaufbau nach 1740, violett: Baustrecke 2012, Relief, Flurkarte © LGB

Der Neubau der Ortsdurchfahrt der B122 erforderte die Untersuchung von etwa 300 m Trasse im Bereich des historischen Stadtgrundrisses. Das Baufeld der heutigen Königsstraße verläuft diagonal über den heutigen Marktplatz und verlässt die Stadt im Norden Richtung Zechlin /Neustrelitz. Damit quert sie einen großen Teil des historischen Stadtgrundrisses. Vom alten Marktplatz im Süden verläuft die heutige Straße durch vier Stadtquartiere, über drei historische Straßen und durchquert die ehemalige Stadtbefestigung. (Abb. 2)

Abb. 2: Archäologische Bau- und Straßenbefunde im Bereich der B122

Damit konnte erstmals ein zusammenhängender und repräsentativer Ausschnitt der mittelalterlichen Stadt Rheinsberg archäologisch untersucht werden.

Bis auf drei Straßenbrunnen aus der Mitte des 18. Jh. und kleinere Leitungstrassen jüngeren Datums war der heutige Straßenraum ungestört. Unter einer großflächig vorhandenen Brandschicht befanden sich in weiten Teilen die Oberflächen des 13.-17. Jh.

Am Nordrand des mittelalterlichen Marktplatzes konnte ein NW-SO verlaufender und etwa 7,5 m breiter Graben nachgewiesen werden. Er folgt dem Verlauf des langgestreckten Marktplatzes und gehört zu den frühesten Befunden in Rheinsberg. Möglicherweise steht er mit der Burg des 12./13. Jh. in Zusammenhang und bildete eine Art Vorburggraben. Noch im 13. / 14. Jh. wurde dieser Graben verfüllt und randlich mit einem Feldsteinkeller bebaut. Dieses Gebäude wurde wahrscheinlich noch im Mittelalter durch einen Brand zerstört und nicht wieder aufgebaut. (Abb. 3).

Abb. 3: Ein vermutlich vorstädtischer Vorburggraben mit mittelalterlichem Feldsteinkeller und barockem Straßenbrunnen.

Im weiteren Verlauf der Trasse wurden insgesamt 16 Parzellen der mittelalterlichen Stadt durchquert (Abb. 2). Dabei konnten 12 Feldstein- und 4 Holzkeller nachgewiesen werden. Die wenigen Holzkeller befanden sich alle im Nordquartier der Stadt in den rückwärtigen Grundstücksbereichen. Sie sind alle mittelalterlicher Entstehungszeit und bestanden nur kurze Zeit. Nach der Brandzerstörung wurden nicht wieder aufgebaut. In den straßennahen Bereichen dieser Grundstücke wurden jeweils kleinere Feldsteinkeller nachgewiesen, die eine zweite Bebauungsphase der Parzelle darstellen könnten.

Die Mehrzahl der übrigen angeschnittenen Parzellen in den beiden zentralen Quartieren besaßen Feldsteinkeller im vorderen, straßennahen, seltener im rückwärtigen Bereich. Nahezu alle Keller waren einphasig und wurden bis zum letzten Brand benutzt. Es spricht einiges dafür, dass es sich dabei um die Erstbebauung der Parzellen aus dem 13./14. Jh. handelt, und die Keller nach den zahlreichen Bränden immer wieder verwendet wurden.

Abb. 4: Mittelalterlicher Straßenverlauf mit angrenzenden Bauresten unter dem heutigen Marktplatz

Der untersuchte Bereich querte an drei Stellen alte Straßentrassen. Während die parallel zur Stadtbefestigung verlaufende Straße im Norden nicht nachgewiesen werden konnte (hier wurde nach 1740 eine leichte Kuppe abgetragen) zeigten die anderen beiden eine vollständige Stratigraphie von der Stadtgründung bis 1740. Brandhorizonte lassen sich den Stadtbränden des 16.-18. Jh. zuweisen. Mehrfach wurden die Straßen mit hellem Bettungssand planiert und gepflastert, wobei die Pflasterung jeweils wieder entnommen wurde (Abb. 4). Anfänglich vorhandene Straßengräben wurden bald verfüllt und planiert. Im Zuge der Anlage der heutigen Straße nach 1740 wurde die mittelalterliche Stadtbefestigung aufgegeben. Die Stadtmauerwurde abgebrochen und deren Fundamente im Straßenbereich weitgehend entfernt. Die feldseitig vor der Stadtmauer verlaufenden Stadtgräbenwurden in diesem Zuge komplett verfüllt und eingeebnet. Sie verliefen liefen im Abstand von 18 m unmittelbar vor der Mauer und waren 16 und 20 m breit. Ihre Tiefe dürfte 6-8 m betragen haben. Die Profile belegten, dass die Gräben während ihrer Nutzungszeit mindestens einmal wieder hergestellt wurden. Eine stadtseitig in den Graben verlaufende Brandschicht unter der Stadtmauer belegt hier das Vorhandensein einer älteren Stadtbefestigung aus Holz (Abb. 5).

Abb. 5: Verfüllter mittelalterlicher Stadtgraben mit verstürzten Resten der Stadtmauer