Friedhof der Vergessenen: Mittelalterliche Bestattungen in Glambeck, Lkr. Oberhavel

Im Sommer 2012 wurden in dem kleinen Dorf Glambeck im Löwenberger Land die Dorfstraße und die Trinkwasserleitungen erneuert. Die archäologische Baubegleitung erbrachte Unerwartetes und lenkte den Fokus auf die nahezu in Vergessenheit geratene Gründungszeit des Dorfes.

Auf einer gekappten natürlichen Anhöhe in der Dorfmitte waren große Teile eines mittelalterlichen Friedhofes zu untersuchen. Weitere Spuren einer Siedlung aus dieser Zeit oder eines Kirchenbaus gab es im heutigen
Straßenbereich jedoch nicht. Glambeck findet in den schriftlichen Quellen des 13. Jahrhunderts keinerlei Erwähnung. Dennoch ist aufgrund der Besiedlung in der Umgebung von einer Gründung des Dorfes um den Beginn des 13. Jahrhunderts auszugehen. Erstmals erscheint das Dorf im
Jahre 1348 als „Glambeke“ – als es bereits wieder wüst gefallen, also verlassen war.

Noch im 16. Jahrhundert lagen die Höfe wüst und die Äcker wurden teilweise von den benachbarten Seebecker Bauern mit genutzt. Das nach dem Dreißigjährigen Krieges gänzlich zerstörte Dorf besiedelten in den Jahren 1690/91 auf Betreiben des Kurfürsten neun Schweizer Familien. Glambeck ist damit eine der zahlreichen brandenburgischen
Dorfwüstungen des Mittelalters, die seit dem 17. Jahrhundert mit Neusiedlern aus verschiedenen Teilen Europas (Holland, Frankreich, Schweiz) besetzt wurden.

Das Straßendorf Glambeck geht heute vollständig auf diese Neugründung zurück und besitzt keine Kontinuität zu einer älteren Besiedlungsphase. Den neuen Friedhof legte man südlich des Dorfes an, wo er noch heute benutzt wird. Lediglich die Platzwahl für die neun Höfe auf der etwa 300 m langen ovalen Sandkuppe am Niederungsrand, umgeben von der Feldflur des alten Dorfes, war dieselbe wie die der ersten Siedler im Mittelalter. So bleiben die genaue Lage und Form des mittelalterliche
Glambeck im Dunkeln. Der Laserscan der Geländeoberfläche macht in den umgebenden Wäldern und Wiesen sehr zahlreiche Reste von Wölbäckern sichtbar. Sie dürften die später wieder bewaldeten oder als Wiesen genutzten gründungszeitlichen Streifen- und Gewannfluren wiedergeben (Abb. 1).

Abb. 1: Dorflage Glambeck: modernes Oberflächenrelief mit Untersuchungsgebiet, im Relief erhaltenen Wölbäckern (rot) und Topografie um 1900 (grau)

Die Tatsache, dass sich die frühe Dorfphase auf den Zeitraum des 13. und wahrscheinlich nur der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts beschränkt, macht den besonderen Wert der untersuchten Bestattungen aus. Die Ausdehnung der Gräber zeigt die Lage des mittelalterlichen Friedhofes und spricht am ehesten für ein Angerdorf. Die Kartierung der Sohltiefe der Gräber belegt eine ehemalige natürliche Erhebung in der Dorfmitte, auf der der Friedhof lag (Abb. 2).

Abb. 2: Bestattungen des mittelalterlichen Friedhofes von Glambeck. Links spiegelt die farbliche Darstellung der Grabunterkante die ehemalige Geländekuppe wieder. Orientierung und Überschneidungen lassen vier Phasen erkennen (rechts). 1 grau; 2 violett; 3 grün; 4 rot

Diese Kuppe wurde in nachmittelalterlicher Zeit um etwa 1 m abgeflacht. Der ausgegrabene Teil des Friedhofes befindet sich etwas randlich zur ehemaligen Hügelmitte, wo der Kirchenstandort zu vermuten ist.

Ungefähr 180 Individuen ließen sich nachweisen, wobei die Untersuchung geschätzt ein Viertel der Gesamtfläche erfasste. Die Gesamtpopulation während der etwa fünf Generationen andauernden, 150-jährigen Belegungszeit betrug demnach etwa 720 Individuen, d. h. durchschnittlich 144 gleichzeitig Lebende. Damit war das frühe Dorf deutlich größer als die barocke Neugründung.

Aufgrund ihrer Ausrichtung lassen sich die Grabgruben in vier deutlich erkennbaren Gruppen zusammenfassen. Diese weisen in sich kaum Überschneidungen auf, überschneiden sich aber gegenseitig regelhaft (Abb. 2).

Es erscheint gerechtfertigt, mit diesen Gruppen zeitlich aufeinander folgende Belegungsphasen abzugrenzen. Inwieweit diese Phasen durch Unterbrechungen des Belegungsablaufes getrennt waren, bleibt fraglich. Die erste Phase bildet die Gründergeneration vom Anfang des 13. Jahrhunderts. Die Mehrzahl der untersuchten Bestattungen gehört der zweiten Phase an, die oft die noch freien Stellen ausfüllt, aber auch viele ältere Gräber überlagert. Zahlreiche Bestattungen, darunter ein sicher in das 14. Jahrhundert zu datierendes Grab mit Münzbeigabe, lassen sich der dritten Belegungsphase zuordnen. Jüngste Bestattungen sind einige isoliert scheinende Gräber der vierten Phase, die am stärksten von derOst-West-Ausrichtung abweichen und zahlreiche ältere Gräber überschneiden.

Das Sterbealter weist eine charakteristische Verteilung auf. Etwa 35 % aller Bestattungen waren Kinder unter zwölf Jahren mit einer deutlichen Häufung in den ersten sechs Lebensjahren. Mit rund 55 % die größte Altersgruppe sind die Erwachsenen zwischen dem 20. und dem 40. Lebensjahr. Nur sehr wenige Menschen erreichten ein höheres Alter.

Die Gräber sind bis auf eine Ausnahme vollkommen beigabenlos. Eine kleine Gürtelschnalle stellt den einzigen Trachtbestandteil dar.

Die Toten ruhten in rechteckigen Särgen, deren Bretter mit Eisennägeln
vernagelt waren. Umso außergewöhnlicher ist das Grab einer etwa 30-jährigen Frau, das der dritten Belegungsphase angehört (Abb. 3). Auf der rechten Brustseite lagen 55 Silberpfennige und Reste eines Lederbeutels. Die bis zur Unkenntlichkeit korrodierten, stark kupferhaltigen Münzen besitzen ein Gesamtgewicht von ca. 6 g, was ein durchschnittliches Gewicht von ca. 0,11 g je Pfennig ergibt. Das sehr geringe Münzgewicht und der niedrige Silbergehalt lassen auf eine Entstehungszeit ab dem fortgeschrittenen 14. Jahrhundert schließen. Die allgemeine Münzverschlechterung ging in dieser Zeit einher mit einem immer geringer werdenden Münzgewicht. So dürfte die Kaufkraft der Beigabe nur bescheiden gewesen sein.

Abb. 3: Freilegung der Silberpfennige an der Bestattung

Die anthropologische Untersuchung des Skelettmaterials lieferte zahlreiche Hinweise auf die harten Lebensbedingungen der Glambecker Bevölkerung. Mangelnde Hygiene, einseitige oder schlechte Ernährung sowie die ungesunden Lebensbedingungen in den verrauchten Häusern hinterließen deutliche Spuren an den Skeletten. Eine Vielzahl der Bestatteten litt an Erkrankungen des Zahnapparates, die teilweise tödlich verliefen. Häufig hatten die Menschen zu Lebzeiten einen oder mehrere Zähne verloren. Mit zunehmendem Alter wiesen alle Individuen eine starke Abnutzung der Zähne durch steinmehlhaltiges Brot auf. Strukturveränderungen an den Zähnen und am Skelett lassen auf Mangelerscheinungen schließen, wie sie von Hungerzeiten herrühren. Entzündliche Erkrankungen, häufig an den Schleimhäuten, Gelenken und der Wirbelsäule waren weit verbreitet. Besonders häufig traten auch chronische Mittelohrentzündungen auf.

Abb. 4: Freilegung der Skelette unter der Strasse

Selten sind Verletzungen nachweisbar. Nur einmal wurden eine verheilte Schädelverletzung und zweimal verheilte Knochenbrüche beobachtet. Die Todesursache ist nur selten feststellbar. Überwiegend führten wohl
entzündliche Erkrankungen, Infektionen und Mangelerscheinungen zum Tode.

Bei den etwa gleichzeitigen Populationen aus Liebenwalde, Lkr. Oberhavel, und Götschendorf, Lkr. Uckermark, beide als grenznahe Orte im Umfeld einer Burg gelegen, waren Reiterfacetten an männlichen Erwachsenen sowie Spuren von Verletzungen durch Armbrustbolzen, Schwerthiebe und Trümmerbrüche in nennenswerter Zahl zu beobachten. Nicht so in Glambeck. Hier kann die Bevölkerung wohl am ehesten als eine hart arbeitende bäuerliche Gemeinschaft fernab derkriegerischen Auseinandersetzungen jener Zeit gesehen werden.

Ertragarme Böden, Krankheiten und klimatische Veränderungen verhinderten eine weitere Entwicklung und führten zur Aufgabe des Dorfes. Die Grabungen in Glambeck brachten nicht nur die Erinnerung an eine vergessene, frühe Siedlungsphase des Dorfes in Erinnerung. Mit den untersuchten Bestattungen liegt eine weitere wertvolle Quelle zur Erforschung der Lebensumwelt der frühesten deutschen Siedlergenerationen im nördlichen Brandenburg vor.

Literatur:
Hauptmann, Th.: Germanen, Slawen, Deutsche. Archäologische Untersuchungen in Liebenwalde, Landkreis Oberhavel. Arch. Berlin u. Brandenburg 2001 (2002) 138–140.
Hauptmann, Th.: Coczykendorp – Götschendorf, Lkr. Uckermark. Gab es eine Kirche inmitten des mittelalterlichen Friedhofs? Arch. Berlin u. Brandenburg 2008 (2009) 98–100.